schnee

Der Schnee war nass und schwer, und Gerda hatte ihre liebe Not den Schneeschieber vor sich her zu schieben.
Den Schnee wegzuschippen ging schon lange nicht mehr, dazu fehlte ihr einfach die Kraft.
Aber mittlerweile wurde auch das Schneeschieben zu einer Tortur.
Sie stütze sich auf den Schneeschieber und dachte: Was tust du dir da nur an? Frag doch einfach ob dir jemand hilft!
Aber wen sollte sie fragen?
Sie war die Einzige in der Straße die immer Zuhause war. Alle anderen Anwohner gingen arbeiten.
In ihrer Wohnung sah es manchmal aus wie in einer Packstation.
Alle Päckchen die ausgeliefert wurden, landeten erst mal bei ihr, bis sie Stück für Stück am Nachmittag abgeholt wurden.
Ja, und wenn ich jemand bräuchte, ist niemand da! dachte sie resigniert und wollte gerade den Schneeschieber ansetzen um den nächsten kleinen Streifen frei zu schieben, als ein junger dunkelhäutiger Mann die Einfahrt hinauf kam, und in gebrochenen Deutsch sagte: „Ich machen das!“
Und kaum das sie sich versah, hatte er ihre Auffahrt freigeschaufelt.
Als sie sich bedanken wollte sagte der Fremde: „Alles gut! Ich gerne machen!“ winkte ihr zu, und war verschwunden.
Was war das denn?
Ich konnte mich ja noch nicht mal richtig bedanken!
Sie schlurfte zurück ins Haus, und dachte den ganzen Tag an den netten Helfer.
Am nächsten Morgen, als sie gerade mit ihrem Kaffee am Küchentisch saß, hörte sie draußen ein rhythmisches Schaben.
Sie eilte zum Flurfenster und sah, wie der junge Mann von gestern schon die Hälfte der Auffahrt freigeschaufelt hatte.
Als er sie sah, winkte er ihr lachend zu.
Sie zog schnell ihre Schuhe an und wollte ihm wenigstens diesmal gebührend danken, und steckte sich schnell noch 10 Euro in die Tasche.
Als sie die Haustür öffnete, war die Auffahrt schneefrei, aber von dem jungen Mann weit und breit keine Spur.
So eine seltsame Begegnung hatte ich noch nie, dachte sie, und ging wieder zurück in ihre Küche.
Er muss doch hier irgendwo wohnen, oder in der Nähe arbeiten, überlegte sie.
Er ist bestimmt einer der Flüchtlinge, durchfuhr es sie.
Aber in ihrer unmittelbaren Nähe gab es keine Flüchtlingsunterkunft, die ihr bekannt war.
Was ist denn nur hier in der Nähe, das er so zielstrebig ansteuerte?
Er wird doch nicht jeden Tag bis hinten zum Schlachthof laufen?
Das waren ja von ihrem Haus noch ca. 2 km.
Und die laufen? Bei der Kälte?
Ach Gott der Arme!
Was kann ich nur tun, um ihn in Dankbarkeit zu entlohnen?
Sie schlurfte an ihren PC, weil ihr die Idee von einem Präsentkorb in den Sinn kam.
Mittlerweile kann man ja alles online kaufen, und ein Lächeln umspielte ihr Gesicht.
Sie bestellte: Reis, Tomatensoße, Nudeln, Pilze, Oliven, Obst in Dosen, und haltbare Milch.
Schon am Nachmittag kam der Bringdienst und übergab ihr einen schön zusammengestellten Präsentkorb.
Imposant stand er auf dem Küchentisch, und sie freute sich schon auf den nächsten Morgen.
Seit ewigen Zeiten betete sie, dass es die Nacht wieder schneien möge.
Und Petrus tat ihr den Gefallen!
Um 6 Uhr in der Früh saß sie schon freudig aufgeregt mit ihrem Kaffee am Küchentisch, und wartete auf das schabende Geräusch in ihrer Auffahrt.
Bis 7:30 Uhr musste sie warten.
Sie öffnete die Haustür und rief strahlend: „Hallo!“, und hielt den Präsentkorb hoch.
Der junge Mann schaute sie ungläubig an, und kam zögerlich auf sie zu.
Sie hielt ihm den Korb entgegen und sagte nur mit feuchten Augen: „Danke!“
Er nahm ihr den Geschenkkorb ab, stellte ihn neben sich, umfasste ihre beiden Hände, und führte sie mit einer tiefen Verbeugung an seine Stirn.
Leise flüsterte er: „Deine Gott segne Dich!“

Und so begann eine lange liebevolle Freundschaft!

 

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