Engel1

Als sie Peter zu Bett gebracht hatte, und die Gute-Nacht-Geschichte auch zu Ende erzählt war, küsste sie ihn auf die Stirn und wollte gerade sein Kinderzimmer verlassen, als er fragte: „Mama, ich möchte so gerne mal einen Engel sehen!“
„In echt!“ fügte er noch fordernd hinzu.
„Du möchtest einen echten Engel sehen? Ist das dein Ernst?“ fragte die Mutter verblüfft.
„Ja!“ antwortete er ganz aufgeregt.
Er setzte sich auf, und winkte seine Mutter zu sich aufs Bett.
„Ich sehe immer so viele Engel Mama, in der Kirche, in den Büchern, und unten im Wohnzimmer steht auch einer auf dem Kamin, aber niiie einen echten Engel! Nun möchte ich mal einen in Wirklichkeit sehen, vielleicht sogar mit ihm reden! Sag Mama, wo muss ich hin, um ihn zu treffen?“
Seine Mutter setzte sich auf sein Bett und machte eine längere Pause. „Peter, so einfach wie du dir das vorstellst, ist das nicht. Es gibt so viele Arten von Engel! Viele kann man nicht sehen, aber sie sind trotzdem da. Mit vielen kannst du zwar reden, aber sie können dir nicht antworten, und wenn du sie anfassen wolltest, fliegen sie schnell davon. Sie sind nämlich ganz scheue Wesen. Ähnlich wie die Elfen und Feen.“
„Das versteh ich nicht! Sie scheinen doch wichtiger  wie die Elfen und Feen zu sein!“ Peter machte ein nachdenkliches Gesicht. „Und guck, – meinen Schutzengel hab ich auch noch nie gesehen, obwohl du sagst, er wäre immer bei mir. Wie geht das?“ und zwei große Fragezeichenaugen schauten sie erwartungsvoll an.
„Um dir das alles heute Abend zu erzählen, dafür wäre die Nacht zu kurz. Leg dich hin, schließ die Augen und denke an deinen Schutzengel. Vielleicht besucht er dich im Traum. Und morgen erzähl ich dir was es alles für Engel gibt. Weil, eigentlich sind wir alle Engel! Aber jetzt schlaf schnell!“ Sie küsste ihn nochmals auf die Stirn, und verließ leise das Kinderzimmer.
Ach du meine Güte, wie erkläre ich meinem Sohn die Daseinsberechtigung von Engeln?
Mit diesem Gedanken ging sie zu Bett, und wachte auch mit diesem Gedanken wieder auf.
Ebenso erging es ihrem Sohn!
Kaum am Frühstückstisch fragte er schon wieder wo er einen Engel finden könnte.
Als er sein Nutellabrot fertig gegessen hatte und sich den Mund nach dem letzten Schluck Milch mit dem Handrücken abwischte, schaute er seine Mutter erwartungsvoll an.
„Ja Peter, du wirst es nicht glauben, aber wir sind alle Engel! Jeder Mensch auf seine ganz persönliche Weise!“ fing sie an, und ergriff seine kleinen Händchen.
„Ich auch?“ und Peters Augen wurden immer größer.
„Aber ich hab doch gar keine Flügel  –  und du auch nicht!“ und schaute vorsichtshalber nochmal auf den Rücken der Mutter.
„Ja mein Kind, unsere Flügel müssen wir uns hier auf Erden erst verdienen. Die bekommt man nicht so mir nichts, dir nichts geschenkt! Flügel zu haben ist ein echt großes Privileg, und man muss schon ein verdammt guter Mensch gewesen sein, um sie tragen zu dürfen.“
„Das heißt, ich werde hier keinen Engel mit Flügeln finden?“ fragte Peter ganz traurig.
„Ich glaube nicht!“ antwortete die Mutter, „aber das Wissen, dass du von lauter Engeln umgeben bist, ist doch auch wunderschön, oder nicht?“
„Ja schooon“ sagte Peter sehr langgedehnt, und seine Enttäuschung war unüberhörbar.
„Na komm, jetzt gehen wir erst mal in den Kindergarten, und dort kannst du mit all den anderen kleinen Engel spielen.“ zog ihn in den Flur, um ihm seine Jacke und Schuhe anzuziehen.
Als sie am Spiegel vorbei kamen blieb Peter stehen, und schaute ganz kritisch hinein.
„Ach weißt du Mama, Flügel zu haben wäre auch doof! Ich könnte nicht richtig rutschen, und durch die Spielplatzröhre könnte ich auch nicht krabbeln.“ drehte sich um, und hopste vergnügt nach draußen.

Kinderlogik ist doch einfach perfekt! dachte die Mutter, und folgte ihm lächelnd.