umarmung1

Für Mandy war es wieder einer der stressigen Tage in der Versicherung, an denen am Abend mehr Frust als erfolgreiche Abschlüsse standen.
Mittlerweile war es 19 Uhr und sie hetzte in die Stadt, um noch schnell ihren Kühlschrank mit dem Nötigsten zu befüllen, denn seit zwei Tagen herrschte dort gähnende Leere. Nur eine angefangene Milchpackung und ein Glas Oliven bewahrten ihn vor der völligen Leere.
Es war Donnerstag und sie ahnte schon, dass es im Supermarkt brechend voll sein würde.
Bei den Einkaufswagen kramte sie nach ihrem Chip, fand ihn aber nicht und suchte in ihrer Geldbörse nach einem Euro.
Hinter ihr schnaufte schon ein älterer Mann genervt wegen der Verzögerung.
Als er endlich an ihr vorbei seinen Wagen entriegeln konnte, schnauzte er unfreundlich: „Können Sie nicht schon im Vorfeld nach ihrem Euro suchen? Sie halten den ganzen Betrieb auf!“
Bevor sie reagieren konnte, ratterte er schon mit seinem Einkaufswagen an ihr vorbei.
Tief durchatmend begann sie ihren Einkauf.
Da sie noch nicht mal wusste auf was sie Hunger hatte, griff sie wahllos in die Regale.
Nudeln, Käse, Wurst, Butter, Quark und Joghurt waren erst mal das Wichtigste.
Plötzlich fiel ihr ein, dass sie kein Mehl und keinen Zucker mehr hatte. Also drehte sie um, und ging gegen Strom zu den Regalen.
Endlich hatte sie alles im Wagen was sie brauchte, und steuerte zielstrebig die Kasse an.
Unvermittelt blieb der junge Mann vor ihr stehen, weil er etwas entdeckte hatte, was noch unbedingt in seinen Wagen musste.
Da sie ihm gedankenverloren hinterher getrottet war, reagierte sie zu spät auf sein abruptes Anhalten, und rammte ihm ihren Einkaufswagen gegen seine Kniekehlen.
Erschrocken drehte er sich um und blaffte sie an: „Können Sie nicht aufpassen?!“ und griff sich theatralisch an die Kniekehle.
„Entschuldigung! Ich hatte nicht bemerkt das Sie stehen geblieben sind!“ gab sie unwirsch zurück, und drängelte an ihm vorbei.
Nur schnell an die Kasse, und nix wie weg! dachte sie, und stellte sich geduldig in die Warteschlange vor der Kasse an.
Als sie ihre Einkäufe in ihre Tragetasche räumte, sah sie den Mann, den sie mit ihrem Einkaufswagen angerempelt hatte, muffelig in der Schlange stehen.
Gott was sind die heute alle genervt!, dachte sie und musste sich eingestehen: sie war es auch!
Auf dem Weg zur U-Bahn blieb sie noch an einigen Schaufenster stehen, und betrachtete sich die Klamotten.
Nein, Frustkäufe machen wir heute nicht, ermahnte sie sich und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr die ihr zeigte, ihre U-Bahn fuhr in sechs Minuten ab.
Sie flitzte zum U-Bahneingang, raste die Treppen runter, und sah ihre Bahn schon am Bahnsteig stehen.
Gott sei Dank drängten eine Menge Leute in die Bahn, und doch fing sie an die letzten 5 Meter zu rennen.
Kurz vor der Tür hatte sie noch so viel Schwung, dass sie gegen ihren Vordermann prallte, und ihn mehr oder weniger in die Bahn schubste.
Sie wollte sich gerade entschuldigen, als sie eine bekannte Stimme hörte die sie anschnauzte: „Sie schon wieder?! Das gibt’s doch nicht! Kaufen Sie sich mal eine Brille – Sie sind ja völlig blind! Das ist jetzt schon das 2. Mal! Ich fasse es nicht!“ und bewegte sich auf den einzigen freien Sitzplatz zu.
Die ganze Fahrt starrte er sie wütend an, und schüttelte mehrfach fassungslos den Kopf.
Endlich kam ihre Station, und sie stieg eilig und erleichtert aus.
Jetzt bräuchte ich jemand der mich in den Arm nimmt und tröstet dachte sie, und hatte gar keine große Lust in ihre leere Wohnung zu gehen.
Und während sie den Weg zu ihrer Wohnung einschlug, sah sie auf der anderen Straßenseite einen bärtigen kräftigen Mann stehen, vor dem ein Pappschild stand auf dem zu lesen war: Kostenlose Umarmung! Trauen Sie sich ruhig!
Sie eilte auf die andere Straßenseite, blieb vor dem bärtigen Mann stehen und sagte: „Sie schickt mir der Himmel!“ und ehe er sich versah umarmte sie ihn lang und intensiv.
Er legte ebenfalls seine Hände um sie und streichelte beruhigend ihren Rücken.
Erstaunt stellte sie fest, wie ihre Anspannung von ihr abfiel.
„Danke!“ sagte sie „das war genau das, was ich jetzt gebraucht habe!“
Der bärtige Mann lächelte breit und sagte nur: „Nichts zu danken, die Freude war ganz meinerseits. Die Hauptsache es hat geholfen!“
„Ja, das hat es!“ antwortete sie, und kramte in ihrer Tasche, um ihm wenigstens einen Euro zu geben.
Er schüttelte den Kopf ,und zeigte auf das Wort: -Kostenlose-
„Nein, nein, nein, bitte kein Geld! Es hat mir doch auch gut getan! So was nennt man eine Win-Win-Situation!“ und entließ sie mit seinem breiten entwaffnenden Lächeln.

Als sie ihre Haustür aufschloss dachte sie abschließend: Danke ihr da oben! Das war ja eben eine prompte Lieferung!
Und den ganzen Abend hielt sich ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht.

 

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