Helfen

Frau Steinhaus stand vor ihrem Lehrerpult und schaute über ihre Klasse.
Es war eine kleine wilde Horde von Drittklässlern, die schon eifrig ihre Hefte und Bücher in die Ranzen packten.
Gleich würde die Schulglocke ertönen, und sie würden wie losgelassen aus dem Klassenzimmer stürmen.
Sie klatschte dreimal in die Hände, um ein letztes Mal für heute ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.
„Ich hab euch noch gar nicht gesagt, was eure Hausaufgabe für die nächste Woche ist! rief sie in die Klasse.
Ein Aufstöhnen und ein „Oooh neeein!“ ging durch die Schulbänke.
An vielen Gesichtern konnte man den Frust ablesen, doch mit Hausaufgaben nach Hause geschickt zu werden.
„Wir haben heute über die Menschen gesprochen, mit denen es das Leben und das Schicksal nicht so gut gemeint hat. Deshalb möchte ich, dass ihr euch Gedanken macht, wir ihr, wir Alle, helfen können.
Deshalb lautet das Thema für nächste Woche: Wie kann ich helfen?“
Sie schaute in die Runde und sah viele kleine Fragezeichen über den Köpfen der Kinder.
„Ja! Seid kréativ! Überlegt, was alles allein in eurer Macht steht, um den Bedürftigen unserer Gesellschaft zu helfen!“
Das letzte Wort wurde schon von der Schulglocke verschluckt, aber das überstürzte Gerenne und Geschubse blieb diesmal aus.
Irgendwie hatte das Thema der Hausaufgabe für ein ruhiges und langsames Verlassen des Klassenzimmers gesorgt.
Sie sah wie sich die Kinder achselzucend ansahen, und jeder auf jeden schaute, in der Hoffnung eine zündende Idee zu erhaschen.
An der Treppe rief Jonas der Klassensprecher: „Ich hab’s! Kommt mit!“ und wie auf Kommando stoben 14 Jungs und Mädels die Treppe herunter.
Als Frau Steinhaus aus dem Fenster blickte, sah sie ihre Klasse in einem riesengroßen Kreis um Jonas stehen, dessen aufgeregte Gesten auf eine wirklich zündende Idee 
hin deutete.
Sie konnte zwar nicht verstehen was da unten auf dem Schulhof gesprochen wurde, aber sie sah an der Begeisterung der Mitschüler, dass es ihre volle Zustimmung hatte.
Langsam löste sich die Gruppe auf, und jeder machte sich auf seinen Heimweg.
Na, da bin ich mal gespannt was sie da ausgeheckt haben, dachte Frau Steinhaus lächelnd, nahm ihre Schulmappe und verließ mit einem letzten prüfenden Blick zurück das Klassenzimmer.
Jonas überfiel Zuhause gleich seine Mutter mit seiner Idee, die ihm stolz und wohlwollend zuhörte.
„Eine echt tolle Idee Jonas! Aber um sie in die Tat umzusetzen müssen Alle mitmachen. Besonders der Schuldirektor! Er muss sein OK zu dieser Aktion geben! Ruf du deine Mitschüler an, und ich telefoniere derweil mit einigen Eltern.“
Jonas verschwand in seinem Kinderzimmer und fing an einige Mitschüler anzurufen, und seine Mutter saß am Küchentisch und tat dasselbe mit den Eltern der Schüler.
Zwei Stunden später trafen sie sich wieder in der Küche, und bei beiden ging freudestrahlend der Daumen hoch.
Am späten Nachmittag fragte Jonas noch bei jedem Mitschüler das Thema ab, was jeder einzelne gewählt hatte, und schrieb es fein säuberlich in sein Schulheft.
Der erste Schritt war getan!
Als Jonas Vater am Abend von der Idee seines Sohnes hörte, war er sofort bereit am nächsten Tag den Schuldirektor zu kontaktieren.
Nachdem sie die Zustimmung des Schuldirektors erhalten hatten, trafen sich alle Eltern nach fünf Tagen zu einer Lagebesprechung.

Als Frau Steinhaus am Montag ihre Klasse betrat, fand sie einen leeren Raum vor.
Nur die Mutter von Jonas saß lächelnd in der ersten Schulbank und blickte Frau Steinhaus wissend an.
In kurzen Sätzen erklärte sie der Lehrerin was die Kinder sich überlegt hatten, und verließ mit ihr die Schule.
Von weitem hörten sie schon den Song von den Höhner: „Wenn nicht jetzt, wann dann?…“ und wunderte sich über die Menschentraube die sich um die Musik scharrte.
Als sie näher kamen, erkannte sie einige ihrer Schüler die zum Rhythmus des Liedes klatschend hinter ihren Schildern standen.
Sie las voll Rührung die Texte auf den Schildern: Ein Brot für die Not!, Eine Decke wärmt!, Dein Blut kann helfen!, Einige Euro hat man immer übrig!, Brauchst du wirklich so viel Schuhe?, Gib mir Spielzeug!, Spende für die Tafel! und, und, und.
Vor den Kindern standen entweder Kisten, oder sie hielten ihre großen Sparschweine in der Hand, und die Zuschauer griffen sofort spontan zu ihren Geldbörsen und fütterten die Sparschweine.
Gegen 17 Uhr waren alle Kisten mit Decken, Kleidung, Schuhen, Spielzeug und sogar Brillen und kleinen Haushaltsgeräten gefüllt.
Frau Steinhaus stellte sich vor ihre Schüler und sagte: „Das war die schönste und perfekteste Hausaufgabe die jemals an unserer Schule abgeliefert wurde! Ever! Ever! Ever!!! Tausend Dank an euch!“ und ging, um jeden einzelnen Schüler zu umarmen.

Als am nächsten Tag die Sparschweine in der Schule feierlich geplündert wurden, kamen sage und schreibe Euro 326,84 zusammen. Und als Frau Steinhaus noch den Stadtanzeiger hervorholte und ihnen den Bericht über ihre gelungene Aktion vorlas, brach ein regelrechter Jubel aus.
Diese Aktion, und diese Erfahrung brannte sich wie ein leuchtender Stern in die Kinderseelen.

Um diese zukünftigen Väter und Mütter muss man sich keine Sorgen machen, dachte Frau Steinhaus liebevoll, und fuhr nun mit ihrem normalen Unterricht fort.

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