Affe

Es war ein Morgen, wie ihn sich keine Mutter wünscht.
Sie wurde schon um fünf Uhr von ihrem sechsjährigen Sohn Carsten unsanft aus dem Schlaf gerissen.
Gestern vor dem Zubettgehen, hatte sie ihm versprochen mit ihm ins Affenhaus zu gehen, und hatte jetzt den Eindruck, er hat die halbe Nacht vor freudiger Aufregung nicht geschlafen.
Nun stand er zappelig vor ihrem Bett und drängte sie aufzustehen, da er Sorge hatte, sie kämen nicht pünktlich dort an.
„Carsten“ sagte die Mutter noch ganz verschlafen „es ist fünf Uhr, und der Zoo macht erst um neun Uhr auf! Geh wieder ins Bett!“ und zog sich die Decke über den Kopf.
Mit einem unsanften Hopser sprang er zu ihr ins Bett und erzählte gleich drauf los.
„Weißt du Mama, ich werde nämlich auch mal so ein großer Silberrücken, und kämpfe für mein Volk!“
„Affen haben kein Volk, sie leben in Gruppen“ korrigierte die Mutter müde.
„Egal! Ich würde ganz doll auf sie aufpassen, und immer was tolles zu Essen suchen. Was gibt’s denn zum Frühstück?!“
„Bei den Affen, oder bei uns?“ gluckste die Mutter.
„Bei uns! Ich habe soooo einen Hunger!“ und drehte den Kopf seiner Mutter zu sich. „Krieg ich Müsli mit Schoko? Oder ein Nutellabrot mit Milch?“
„Du kriegst gleich ein Mundpflaster! Geh und hol dir ein Buch zum anschauen, und lass mich noch eine halbe Stunde schlafen!“
Carsten hopste wieder über sie, und flitzte in sein Kinderzimmer.
Er kam aber nicht mit einem Buch zurück, sondern hatte seinen großen Gorilla im Schlepptau.
„Ooooh nein!“ stöhnte die Mutter auf, „was schleppst du denn jetzt dieses Monster in mein Bett?!“
„Das ist kein Monster, das ist Bruno mein Silberrücken!“ antwortete Carsten und fügte altklug hinzu „Je grauer der Rücken, umso stärker ist er nämlich!“
„Älter!“ gab seine Mutter knapp zurück, und verabschiedete sich von ihrem Schlaf für diese Nacht.
Sie schälte sich aus dem Bett, und ging noch schlaftrunken ins Bad.
Als sie aus der Dusche kam, hörte sie wie ihr Kleiner gerade fragte: Na Leute, was wollen wir frühstücken? Ich kenne einen tollen Baum mit Früchten!“ dabei quietschte das Lattenrost, als würde er sich gerade schwerfällig auf den Weg machen.
Sie betrat wieder das Schlafzimmer und schickte Carsten ins Bad. „Das du dir auch ordentlich die Zähne putzt, hörst du?“ rief sie ihm noch nach.
Sie schnappte den Gorilla am Arm, und verfrachtete ihn wieder ins Kinderzimmer.
Warum musste er nur eine Affinität für Gorillas entwickeln? Ein Hamster hätte es doch auch getan!
Beim Zubereiten vom Frühstück musste sie lächeln, weil sie an den letzten Wunschzettel ihres Sohnes denken musste.
Sie hatten ihm alle möglichen Spielzeugkataloge gegeben, und erlaubten ihm mit der Kinderschere die Objekte auszuschneiden, die er sich besonders wünschte.
Sie staunten nicht schlecht, der Wunschzettel war voll mit Affenbildern und nur ganz ganz unten war ein kleines Bild von einem Legobaukasten.
Er hatte alle Kataloge nach Plüschaffen durchsucht, wo unter anderem auch das Monstrum im Kinderzimmer abgebildet war.
Ihr Mann fragte sie als der den Wunschzettel sah: „Glaubst du wirklich, wir haben bei unserem Sohn alles richtig gemacht?“ und sie brachen gemeinsam in schallendes Gelächter aus.
Nachdem Carsten sein Nutellabrot verdrückt, und seinen schokoverschmierten Mund gesäubert hatte, stand er schon an der Wohnungstür und drängte zum Gehen.
In der U-Bahn erzählte er jedem der es nicht hören wollte, dass er zu den Silberrücken gehen würde.
Eine ältere Dame erbarmte sich und hörte seinen Ausführungen ganz interessiert zu, bis sie aussteigen musste.
Endlich konnten auch sie aussteigen, und betraten kurz danach den Zoo.
Ohne den anderen Zoobewohnern einen Blick zu gönnen, zog er seine Mutter zum Affenhaus.
Er raste hinein und rief laut: „Hallo!!“ und drückte gleich seine Nase an die große Scheibe.
Sein Silberrücken saß relaxed in einer Baumstammkonstruktion, und schaute ihn kurz gelangweilt an.
Carsten haute eine ganze Weile mit der Hand auf die Scheibe und rief: „Komm! Komm doch mal her!“
Plötzlich setzte sich der Gorilla in Bewegung und kam auf die Scheibe zu.
Nun doch ziemlich eingeschüchtert ob der Größe des Gorillas, klammerte er sich ängstlich an seine Mutter.
„Kann er die Scheibe kaputt machen?“ kam es fast weinerlich aus ihm heraus.
„Neeein! Kann er nicht! Aber vielleicht lässt er sich so früh morgens nicht so gerne stören. antwortete seine Mutter und staunte, als der Silberrücken sich genau vor die Scheibe setzte und ihren Sohn eindringlich mit den Augen fixierte.
Zögerlich ging der Kleine wieder an die Scheibe und die Zwei schauten sich eine ganze Weile stumm an.
Eine Momentaufnahme, die zu Herzen ging!
Ein kleiner Stoppelhopser und ein riesen Gorilla, die auf welcher Ebene auch immer, miteinander zu kommunizieren schienen.
Langsam stand der Silberrücken wieder auf und ging zu seinem Stammplatz zurück.
Tief bewegt und beeindruckt sagte der Kleine nur: „Mama hast du das gesehen? Ich glaube er kennt mich!“

Als sie nach Hause gingen, lief ein kleiner, stiller, und in sich gekehrter Junge neben ihr her.
Nur in seinen Augen war zu lesen, welch tolles Erlebnis hinter ihm lag.

Copyright seelenkarusell