buch4 (Mittel)

Das Atmen war eine Tortur!
Er wusste nicht, wie er genügend Sauerstoff in seine Lunge pressen sollte.
Alles war wie abgeschnürt!
Von der Panik zu ersticken ganz zu schweigen!
Endlich hörte er das Martinshorn.! Und das Wissen, dass endlich Hilfe naht, trieb ihm die Tränen in die Augen.
Auf dem Weg ins Krankenhaus spürte er eine Hand auf seiner Schulter, und hörte die beruhigenden Worte: „Ganz ruhig! Das wird schon wieder!“
Wird es das wirklich? dachte er zweifelnd.
Es war schon der 2. Anfall!
Man sagt, den Dritten überlebt man nicht! Und wieder schoss Panik in seine Seele.
Er dachte an die Menschen, die sein Leben begleitet haben.
Seine Frau, die Sanfte, seine Tochter, die einen guten Weg ging, seine Eltern, die ein begnadetes langes Leben hatten, und seine Musik, mit all den Musikern und Fans.
Was für ein gesegnetes Leben hatte ich doch, dachte er gerührt, und erneut bahnten sich die Tränen ihren Weg über die Augenwinkel, und rannen langsam auf das Kopfkissen.
Was ist wohl aus Ines geworden? dachte er, und ein Lächeln überzog sein Gesicht.
Ines die Wilde, Lustige, und doch so verletzlich wirkende junge Frau.
Irgendwann saß sie auf der Empore, und er konnte seinen Blick nicht mehr von ihr lassen.
Sie strahlte etwas aus, dass alles andere im Saal unwichtig erscheinen ließ.
Er musste sie kennenlernen!
Verstohlen sah er auf die Uhr wie lange sie noch spielen mussten, und die 20 Minuten bis zur Pause wurden für ihn zu einer Ewigkeit.
Sie schien auch des Öfteren zu ihm zu schauen. Und immer wenn sich ihre Blicke trafen, war es wie ein kleiner Stromschlag für ihn.
Was hat das Mädchen nur, dass es mich so aus der Bahn wirft dachte er, als sie gerade den Song: You are my sunshine… routiniert vortrugen.
Endlich war die ersehnte Pause da!
Er warf einen Blick zur Empore hoch, und stellte erschrocken fest, sie saß nicht mehr dort.
Hektisch suchte er mit seinen Blicken die Tanzfläche, die Bar und den ganzen Saal ab.
Hinten am Ausgang meinte er sie zu sehen, und bahnte sich einen Weg durch die volle Tanzfläche.
An der Bar holte er sich ein Bier, und schlenderte betont langsam zum Ausgang.
Ach, was tat die frische Luft gut, und er sog sie tief und genüsslich ein.
Dann sah er sie bei dem Ehepaar, das er von früheren Auftritten kannte.
Er gesellte sich zu ihnen, und sagte seinen Standardspruch auf: „Und? Gefällt es euch? Ist die Musik zu laut, oder geht’s?“ Dabei klebte sein Blick nur an Ines.
Nach dieser Begegnung waren sie für 1 1/2 Jahre unzertrennlich, soweit man das mit einer Ehe im Hintergrund sein kann.
Turbulent und bewegt zugleich ging es in dieser Zeit zu!
Er hin und her gerissen zwischen seiner Frau und ihr, und sie hin und her gerissen zwischen seiner Ehe und ihm.
Ein Scheitern dieser Beziehung war vorprogrammiert und absehbar, denn beide waren im Grunde ihres Herzens sehr gradlinig.
Und Liebe scheitert nie an der Liebe, sondern immer nur an den äußeren Umständen.
Eines Abends gab Ines ihm ein kleines Büchlein, in dem sie ihre Gefühle aus den 1 1/2 Jahren verarbeitet hatte.
Ein Büchlein voll mit Liebe, Zweifeln, Resignation und wieder nur Liebe.
Es war ihr letztes Zusammentreffen!
Danach beschränkte sich ihr Kontakt nur noch auf vereinzelte Telefonate und den Geburtstagen, die keiner von ihnen jemals verschwitzte.
Aber nach dem 1. Schlaganfall brach die Verbindung schlagartig ab.

Ja, was ist aus meiner Ines geworden? dachte er wehmütig, während eine Schwester sich an einer Kanüle an seinem Arm zu schaffen machte.
Plötzlich sehnte er sich nach dem Büchlein!
Nach all den Worten die darin standen. Ehrlich, ungeschminkt und voll unverfälschter Liebe.
Er wusste genau in welcher Schublade er es in seinem Musikkeller versteckt hatte.
Aber wer sollte es holen?
Seine Frau? Seine Tochter?  –  Bestimmt nicht!
Ein stechender Schmerz fuhr ihm durchs Herz, und ganz langsam schloss er seine Augen.

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