hallig 034

Leonie fuhr wie jeden Mittwoch nach Föhr, um ihre Freundin zu besuchen.
Es war ihr schönster Tag in der Woche, weil sie endlich allen Stress hinter sich lassen konnte.
Genau deswegen genoss sie die dreiviertel Stunde auf Deck, und überließ alle Stressmomente dem Wind und den Wellen.
Den älteren Herrn vorne an der Brüstung sah sie jetzt schon zum dritten Mal!
Er schien wohl auch auf Föhr jemanden zu besuchen.
Sie setzte sich in die erste Sitzreihe, und versuchte zu entspannen.
Nach einer Weile setzte sich der ältere Mann neben sie, streckte die Füße aus und genoß die Fahrt.
„Sie fahren wohl auch öfters nach Föhr?“ fragte sie interessiert, bekam aber keine Antwort.
Sie startete einen zweiten Versuch um mit ihm ins Gespräch zu kommen: „Ich finde die Fahrt mit dem Schiff einfach herrlich! Sie auch?“
Wieder keine Antwort!
Er mag wohl kein Gespräch dachte sie, und schaute weiter den Wellen zu.
Da er die Füße weit von sich gestreckt hatte, stolperte kurz darauf ein kleines Mädchen im Vorbeirennen darüber, und fiel hin.
Durch ihr Weinen kam gleich ihre Mutter herbeigeeilt, hob die Kleine auf, und tröstete erst einmal.
Als sie sah, dass der Mann seine Füße so weit ausgestreckt hatte, bat sie ihn sich ordentlich hinzusetzen, es könnten ja noch Andere über seine Füße stolpern.
Doch der alte Mann zeigte keinerlei Regung, antwortete auch nicht, und zog auch nicht seine Beine zurück.
Die junge Mutter regte sich furchtbar über sein Verhalten auf, und zeterte noch lange über diesen sturen Fahrgast.
Auch Leonie fand sein Verhalten unmöglich, aber da sie einiges gewohnt war schüttelte sie nur den Kopf, und ließ ihren Blick wieder über das Meer schweifen.
Langsam näherten sie sich der Anlegestelle, und alle Fahrgäste strömten zu den Treppen, um schnellstmöglich an Land zu kommen.
Leonie blieb noch sitzen, um dem Gedränge an und auf der Treppe aus dem Weg zu gehen.
Der alte Mann schien die gleiche Idee zu haben, denn auch er machte keine Anstalten sich von seinem Sitz zu erheben.
Als ein kräftiger Ruck signalisierte, dass das Schiff angelegt hatte, erhob er sich langsam und ging zum Treppenausgang.
Leonie folgte ihm!
Auf dem großen Parkplatz sah man schon etliche Autos die auf die Überfahrt zum Festland warteten.
Plötzlich erblickte sie eine junge Frau die heftig in ihre Richtung winkte, um auf sich aufmerksam zu machen.
Im ersten Moment dachte Leonie es sei ihre Freundin, merkte aber sehr schnell, dass es ihrem sturen Sitznachbarn galt.
Sie sah, wie sich seine Gesichtszüge erhellten, und ein breites Lächeln sein ganzes Gesicht sympathischer erscheinen ließ.
Die junge Frau eilte auf ihn zu, umarmte ihn herzlich und fing an in Gebärdensprache auf ihn „einzureden“.
„Ach du großer Gott, der Mann ist taubstumm! Kein Wunder das er auf nichts reagiert hatte“ durchfuhr es Leonie reuevoll.
Etwas weiter vorne sah sie die junge Mutter, die das Szenarium auch beobachtet hatte, und sich nun zu ihrer kleinen Tochter herunterbeugte, um ihr das Verhalten des Mannes auf dem Schiff zu erklären.
Plötzlich lief das kleine Mädchen auf den älteren Mann zu, zupfte ihn am Arm, und lockte ihn mit ihrem kleinen Zeigefinger zu sich herunter.
Als er seinen Kopf zu ihr herunterbeugt hatte, streichelte die Kleine seine Wange und flitzte sofort wieder zu ihrer Mutter.
Bevor sie weitergingen, drehte sie sich nochmal um, und winkte dem älteren Mann zu.
Verlegen, aber lächelnd winkte er der Kleinen zurück, und entfernte sich ebenfalls am Arm der jungen Frau.

Ach wie schön unkompliziert und spontan doch Kinder sind, dachte Leonie lächelnd, und auch sie machte sich auf den Weg zu ihrer Freundin.

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