eiserner Steg1

Es war einer der nasskalten und vernebelten Novembertage, und trotzdem liebte es Jochen bei diesem Wetter runter an den Main zu gehen.
Früh morgens wenn die Stadt noch halb schlief, und die Luft noch unverbraucht war, konnte er am besten seinen Gedanken nachhängen.
Es war kurz nach 5 Uhr! Keine Menschenseele war unterwegs!
Normalerweise joggten vereinzelt ein paar Hartgesottene an ihm vorbei, aber heute schien es doch etwas zu früh.
Es sah tatsächlich so aus, als wäre er allein auf weiter Flur.
Er stieg gemächlich die Stufen zum Eisernen Steg hoch.
Erstaunt stellte er fest, dass ziemlich in der Mitte der Brücke ein Mensch stand, und regungslos ins Wasser stierte.
Eigentlich nichts besonderes! Viele verharrten für einige Minuten dort um Enten, Möwen, oder vorbeifahrende Schiffe zu beobachten.
Doch dieser Mensch da vorne strahlte etwas Hilfloses, Verletzliches aus.
Und die nebelige Atmosphäre gab dem ganzen Bild etwas Düsteres.
Langsam und vorsichtig näherte er sich dieser in völliger Starre verharrenden Gestalt.
Je näher er kam, um so mehr erkannte er, dass die Gestalte eine junge Frau war.
Sein erster Gedanke, es könne sich um eine Obdachlose halten, verneinte die Kleidung der jungen Frau. Sie sah modisch und gepflegt aus.
Sie schien ihn gar nicht wahrzunehmen!
Ihr Blick haftete auf dem Wasser wie festgetackert.
Als er nah genug bei ihr war, konnte er die Tränen in ihrem Gesicht sehen.
Sie musste schon längere Zeit geweint haben, denn ihre Schminke im Gesicht war zum Teil zu hässlichen Flecken verlaufen.
Er stellte sich neben sie, und schaute ebenfalls aufs Wasser runter.
Leise sagte er: „Jeder Mensch hat diese Momente! Aber sie gehen vorbei!“
Langsam drehte sie ihren Kopf zu ihm und sagte: „Was wissen Sie denn schon! Gehen Sie weiter und lassen Sie mich in Ruhe!“
„Ist es wirklich das was Sie wollen? In Ruhe gelassen werden? Ich glaube nicht! Wer so verloren auf einer Brücke steht, braucht menschliche Nähe!“
„Brauch ich eben nicht! Lass mich einfach nur in Ruhe!“ blaffte sie und ihre Stimme zitterte verdächtig, bis ein neuer Tränenstrom über ihr Gesicht floss.
Er sprach unbeirrt weiter: „Ich hab vor vielen Jahren auch einmal hier gestanden und wusste nicht mehr weiter! Der Sinn meines Lebens schien verloren, als mir meine Freundin in dieser Nacht den Laufpass gab. Ich hätte auch gut in den Main springen können, so egal war mir damals alles.“
Er machte eine Pause, und sah aus dem Augenwinkel wie sie ganz leicht nickte, und so fuhr er fort: „Damals stellte sich eine ältere Dame zu mir und sagte das Gleiche zu mir, wie ich es zu Ihnen gesagt habe: -Jeder Mensch hat diese Momente! Aber sie gehen vorbei!-
Ist das nicht abgefahren?! Die gleiche Situation, die gleichen Worte, schon mal gesprochen, – vor 20 Jahren!“
Er war selbst erstaunt, weil die Erinnerung an die ältere Dame just in diesem Moment wieder auftauchte.
Das junge Mädchen schaute ihn ungläubig an: „Sie erzählen mir doch gerade was vom Pferd? Ich glaube Ihnen kein Wort!“
„Es ist aber so! Als ich in Ihrem Alter war glaubte ich auch: Nur mir ist das widerfahren! Kein anderer Mensch kennt diesen Schmerz! Aber weit gefehlt! Die Gefühle sind bei jedem Menschen gleich! Jeder empfindet Freude, Schmerz, Trauer und Hilflosigkeit. Jeder!“
Als er zu ihr rüber schaute. hatte sich ihre ganze Haltung verändert.
Sie hatte ihren Ellenbogen auf die Brüstung gestützt und ihren Kopf in ihre Handfläche gelegt, und schaute ihn interessiert an.
„Wie heißt du eigentlich?“ fragte er ganz nebenbei.
„Ingeborg und du?“
„Jochen!“ und streckte ihr die Hand entgegen.
Der tief traurige Moment war vorbei, und der Zusammenbruch einer kleinen Welt erst mal beiseite gelegt.
„Ich kenne ein kleines Cafe in der Nähe vom Römer, das um 6 Uhr schon öffnet. Wenn du magst, würde ich dich gerne zum Frühstück einladen. Du siehst aus, als könntest du einen starken Kaffee vertragen.“ sagte er aus dem Bauch heraus.
„Hat das die ältere Dame vor 20 Jahren auch so gemacht?“ fragte sie mit einem verrutschten Lächeln.
„Nein!“ lachte er, „wir hatten uns einfach nur auf eine Bank gesetzt und geredet! Heute denke ich, ist ein Kaffee im Warmen eine bessere Alternative.“

Er reichte ihr den Arm, und sie machten sich wie Vater und Tochter auf den Weg zu einem wärmenden Kaffee und guten Gesprächen.

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