Einkaufswagen

Sie wollte schon durch die sich automatisch öffnende Tür im Supermarkt gehen, als sie das Plakat an der Seite wahrnahm.
Was stand da?
-Jeder hundertste Kunde an der Kasse bekommt heute seinen Einkauf geschenkt!-
Na das wäre ja prima wenn ich das wäre, dachte sie, genau heute mach ich meinen Großeinkauf!
Ganz spontan schaute sie auf die Uhr, um abschätzen zu können wie viele Kunden wohl schon gekommen und gegangen sind.
„Hallo!“ sagte die Stimme in ihrem Kopf, „du brauchst doch nun wirklich nicht einen gesponserten Einkauf! – Da gibt es wohl Andere die es nötiger hätten!“
„Ja“ sprang sie sofort in den Dialog mit sich selbst, „aber man darf doch mal träumen! Ich hätte auf alle Fälle nichts dagegen, wenn mich heute die Glücksfee küssen würde!“ und ging grinsend zu den Bananen.
„Nu kauf nur nicht wie eine Wilde ein, in der Hoffnung, an der Kasse der Glückskunde zu sein!“ mahnte es im Kopf.
Sie schob ihren Einkaufswagen durch die Gänge, griff hier und dort nach einer Packung und stellte sich abschließend an der Fleischtheke an.
Schon wieder ging die ärmlich gekleidete junge Mutter mit ihren beiden Jungs an ihr vorbei.
Ihr Blick in deren Einkaufswagen zeigt ihr, wie gezielt sparsam die Lebensmittel ausgesucht waren. Es befand sich keinerlei Schnickschnack, oder Markenartikel darin.
Alles Sonderangebote, oder die billigeren Hausmarken.
Auf dem Weg zur Kasse sah sie, wie die Jungs vor einer Tüte Haribo standen und mit den Tränen kämpften, weil die Mutter ihnen strikt verbot, die Tüte in den Einkaufswagen zu legen.
„Dann bekommen sie sie halt von mir!“ dachte sie voll Mitleid, ging zum Regal und griff nach der großen Haribodose, die ganz oben stand.
An der Kasse angekommen bemerkte sie, dass die Mutter mit ihren beiden Jungs genau hinter ihr anstand.
Die beiden Jungs schubsten sich vor Langeweile in einer Tour, und die Mutter hatte ihre liebe Not, die beiden ruhig zu halten.
„Ach kommen Sie“ sagte sie aus dem Bauch heraus, „gehen Sie ruhig vor, ich hab es nicht so eilig!“ und schob ihren Einkaufswagen beiseite, damit die junge Mutter an ihr vorbei kam.
Ein dankbarer Blick traf sie, und die Jungen schielten sehnsüchtig auf die Haribodose in ihrem Wagen.
Als alles von der jungen Mutter auf dem Laufband lag, und die Kassiererin den ersten Artikel über den Scanner zog, ertönte plötzlich eine laute Fanfare aus allen Lautsprechern, und der Marktleiter beglückwünschte die hundertste Kundin des heutigen Tages.
Die junge Mutter blickte sich erschrocken zu ihr um, und hielt sich vor Erstaunen den Mund zu.
„Das wäre tatsächlich mein Gewinn geworden…!“ durchfuhr es sie.
Als sie aber in die tränengefüllten Augen der jungen Mutter blickte, klatschte sie spontan Beifall. Und in Sekundenschnelle erzitterte der ganz Supermarkt vom Beifall der anderen Kunden.
Als auch sie ihre Einkäufe bezahlt hatte und den Ausgang ansteuerte, sah sie die junge Mutter vor der Tür auf sie warten.
Sie stammelte ein schluchzendes Danke und reichte ihr zittrig die Hand.
„Die Haribodose!!!“ schoss es ihr durch den Kopf.
Schnell nahm sie die Dose aus dem Wagen und reichte sie den Jungs, die stammelnd ein Dankeschön herausbrachten, und einen prüfenden Blick zu ihrer Mutter warfen, um sich dann um die Dose rangelnd aus dem Staub zu machen.
Bevor sie zum Auto ging, tätschelte sie noch einmal beruhigend die Schulter der jungen Mutter, zeigt ihr den hochgehobenen Daumen, und fuhr mit einem ausgesprochen glücklichem Gefühl nach Hause.

Was für ein toller Tag dachte sie, als sie Zuhause ihre Einkäufe wegräumte.
Das Schicksal hatte sich heute endlich mal für den richtigen Menschen entschieden!
„…Und nur weil ich sie vorgelassen habe“ dachte sie, und klopfte sich dabei selbst auf die Schulter.

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