Gips

Es war der Tag vor den großen Ferien, und der Gedanke 6 Wochen keine Schule zu haben, war ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
Timo und seine Freunde hatten sich vor kurzem von der Sportart: Le Parkour (Kunst der effizienten Fortbewegung) begeistern lassen, und nutzten seit dem jede Gelegenheit ihn auszuüben.
Sie nannten sich: The new five Streetrunners, und Timos Mutter hatte ihnen sogar Shirts mit diesem Namen anfertigen lassen.
Punkt 14 Uhr wollten sie sich wie immer am alten Spielplatz treffen.
„Aber wenn du heim kommst, wird erst gelesen, hörst Du?! Es kann doch nicht angehen, dass du dich mit dem Lesen so schwer tust!“ rief ihm die Mutter noch nach, was er mit einem fröhlichen „Ja, ja!“ kommentierte, und die Haustür ins Schloss fallen ließ.
Am Spielplatz angekommen beschlossen sie zum Kletterpark zu fahren, um ihr Gleichgewicht zu trainieren.
Kurz vor dem Kletterpark war ein kleines Waldstück in dem sechs Bäume gefällt wurden, weil dort ein Grillplatz entstehen sollte.
Die Baumstümpfe waren so ideal in ihren Abständen, dass man dort hervorragend seine Sprungkraft trainieren konnte.
Sie sprangen wie die Wilden, und hatten einen Mordspaß.
Beim letzten Sprung erwischte Timo nicht die Mitte des Baumstumpfes, sondern knickte beim Aufsprung unglücklich um, und landete mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden.
Als er versuchte aufzustehen, ließ er sich gleich wieder mit einem Aufschrei fallen.
Zwei seiner Kumpels rannten sofort voll Panik zum Kletterpark, um Hilfe zu holen.
Ein Angestellter lief mit den Jungs zurück, um notfalls erste Hilfe zu leisten.
Als er bei Timo ankam, war sein Fuß schon mächtig angeschwollen.
Als er den Fuß bewegen wollte um zu prüfen ob etwas gebrochen war, schrie Timo schon bei der kleinsten Berührung auf.
„Da hilft nichts!“ sagte der Angestellte, „wir müssen einen Rettungswagen kommen lassen!“
Timo weinte und fluchte, weil er seine Ferien den Bach runter laufen sah.
Mit Recht!
Im Krankenhaus stellte man eine Sehnenzerrung, und einen doppelten Bruch fest.
Als seine Mutter mit sorgenvoller Miene im Krankenhaus eintraf, lag Timo schon mit vergipsten Fuß im Bett, und fing sofort an zu weinen.
„Ich hatte mich so auf die Ferien gefreut – und jetzt das!“ jammerte er, und seine Tränen flossen in Strömen.
„Ach Junge! Es passiert, was passieren soll! Nu musst du halt da durch!“ sagte seine Mutter, und strich ihm liebevoll durchs Haar.
Unter stoßweisen Schluchzen fragte er: “ Was soll ich denn hier den ganzen Tag machen Mama?“ „Ich brauch dringend meinen MP3-Player und mein Nintendo!“ fügte er fordernd hintenan.
„Deinen MP3-Player hab ich schon dabei, aber dein Nintendo bleibt zuhause! Ich hab dir was viel besseres mitgebracht!“ und zog zwei Bücher aus ihrer Tasche.
„Ooooh neeee Maaamaaa! – Was soll ich denn damit?!“ und verzog angewidert das Gesicht.
„Jetzt hast du die beste Gelegenheit zu lesen mein Junge!“ und legte ihm die beiden Bücher aufs Bett.
„Bevor du dich langweilst, sind sie der beste Zeitvertreib!“ küsste ihn auf die Stirn, und verabschiedete sich bis zum nächsten Tag.
Als sie am nächsten Tag leise das Krankenzimmer betrat, fand sie ihren Sohn lesend, und völlig in das Buch versunken, im Bett liegend vor.
Ein siegessicheres Lächeln umspielte ihren Mund, als ihr Sohn ihr begeistert von dem Inhalt des Buches erzählte.

Und so wurde nach Sport, das Lesen zu seiner zweitgrößten Leidenschaft.
Für was so ein Beinbruch doch alles gut ist!

 

Copyright seelenkarusell