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Man konnte seine Uhr nach ihm stellen. Jeden Morgen Punkt 7:30 Uhr betrat er das kleine nostalgische Cafe am Markt.
Keiner konnte so wirklich sagen seit wann er schon kam.
Er gehörte einfach zu dem Cafe wie das Mobiliar, und der riesen große Spiegel an der Wand.
Er hatte seinen festen Stammplatz hinten in der kleinen Ecke, wo das Bild einer alten Tageszeitung hing, die an den Tag der Eröffnung erinnerte.
Sie war auf den 10. Januar 1953 datiert.
Dort lag für ihn jeden Morgen die aktuelle Tageszeitung, der Milchkaffee mit einem Glas Wasser, und warteten auf sein Kommen.
Obwohl das Cafe erst um 8:30 Uhr öffnete, hatte sich der alte Herr im Laufe der Jahrzehnte das Recht erworben, schon um 8 Uhr Einlass zu bekommen.
Wenn also die ersten Stammgäste kamen, sahen sie immer den gut gekleideten älteren Herrn hinter einer großen Zeitung in der kleinen Ecke sitzen.
Er war sogar schon einige Male in diversen Zeitungen als -Der Zeitungsleser- abgelichtet worden.
Keiner der Stammgäste konnte sich vorstellen das Cafe zu betreten, ohne den alten Herrn in der Ecke sitzen zu sehen.
Und doch kam der Tag, an dem sein Platz leer blieb.
Die Zeitung lag unberührt auf dem Tisch, und der Milchkaffee dampfte schon lange nicht mehr.
Eine betretene und besorgte Stimmung herrschte den ganzen Tag vor.
Manche Stammgäste blieben extra länger in der Hoffnung, der alte Mann würde doch noch erscheinen.
Aber er kam nicht mehr!
Alle Mutmaßungen wurden beiseite gefegt, als die Nachricht die Runde machte, der alte Mann sei friedlich zuhause eingeschlafen.
Zur Beerdigung war die halbe Stadt auf den Beinen um den letzten Gang mit ihm zu gehen.
Und ohne das sich die Menschen abgesprochen hatten, trugen die meisten eine Zeitung  als Zeichen der Wertschätzung unter dem Arm, als sie hinter seinem Sarg hergingen.

Der nun freie Platz hinten in der kleinen Ecke war für die Stammgäste kaum zu ertragen, aber es wollte sich auch keiner dort hinsetzen.
Es war halt -SEIN- Platz, und blieb daher eine gefühlte Ewigkeit eine schmerzvolle Lücke.
Irgendwann saßen alle Stammgäste an dem einzigen runden Tisch des Cafes und steckten die Köpfe zusammen. Nach zwei Stunden standen sie alle zufrieden auf und verließen das Cafe.
Nach zwei Monaten lotsten sie den Eigentümer unter einem Vorwand aus dem Cafe.
Als er zurückkam, standen acht Männer still in der kleinen Ecke des Zeitungslesers.
Völlig verwundert stand der Cafebesitzer in der Tür, als die acht Männer ganz langsam die kleine Ecke freigaben.
Der Mund blieb ihm offen stehen!
An dem kleinen Tisch saß eine lebensgroße männliche Figur die eine große Zeitung las.
Die Tränen und der Beifall wollte nicht enden.

Seitdem sitzt er wieder hinten in der kleinen Ecke:  

ihr alter Zeitungsleser!

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