Brunnen

Eine Stunde lief sie schon planlos durch den Wald.
Sie fühlte sich ausgebrannt und leer.
Nichts, aber rein gar nichts war mehr stimmig!
Was passiert mit mir?, fragte sie sich mit jedem Schritt.
Wo sind meine Gefühle?
Die Gefühle zu meinem Mann, meinem Leben, zu mir?
Ich bewege mich gerade in einer grauen schwammigen Suppe, die nichts mehr erkennen lässt.
Nur Trauer, Schmerz und eine Art Sehnsucht, die keinen Namen trägt.
Wann habe ich bloß aufgehört glücklich zu sein?
Wo und wann habe ich das Stoppschild übersehen?
Ab wann stand ich mit dem Rücken zur Wand und habe mich nicht mehr bewegt?
Ich habe das Gefühl, ich trete nur noch auf der Stelle!
Ich will das nicht!
Ich will leben, lieben, lachen, glücklich sein!
Während diese Gedanken wie Pfeile durch ihren Kopf schossen, war sie in der alten Burgruine angekommen.
Irritiert schaute sie sich um, und sah dicht an der Mauer den alten Brunnen.
Magisch zog er sie an!
Sie beugte sich über den Brunnenrand und sah in ein tiefes schwarzes Loch.
Es könnte mein Herz sein! dachte sie spontan, und versuchte irgendetwas auf dem Grund des Brunnens zu erkennen.
Doch die Tiefe der Dunkelheit ließ noch nicht mal die kleinste Scherbe aufblitzen.
Sie starrte eine Weile versonnen in den dunklen Brunnenschacht, und badete  in diesem Parallelismus, der so treffend ihr momentanes Leben widerspiegelte.
Und wie aus dem Nichts stand vor ihrem geistigen Auge: Ich habe resigniert!
Ich habe aufgegeben, weil man meine Stimme nicht hörte, oder hören wollte!
Irgendwann stand ich tatsächlich mit dem Rücken zur Wand und war kraftlos wie nie!
Ich habe einfach resigniert!
Aber will ich das?
Will ich das wirklich?
Ist Aufgeben eine Option?
Nein!
Sie stieß sich vom Brunnenrand ab und stand einen Moment kerzengerade da.
Und eine neue Kraft durchströmte sie.
Noch unschlüssig wie sie diese neue Energie umsetzen sollte, trat sie den Heimweg an.
Aber sie wusste, sie würde wieder einen Weg finden: zu sich, zu ihrem Leben und vielleicht auch wieder zu ihrem Mann.
Lass Dir Zeit!
Nimm Dir Zeit!
Ja, genau! Das wird mein Credo der nächsten Tage sein!

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