Fliege

Jeder kennt das lästige Gesumme einer Fliege, und ihr unkoordiniertes Flugverhalten, wenn man gerade beim Essen ist.
Es ist unmöglich sich auf das Genießen des Essens zu konzentrieren.
Man ist nur damit beschäftigt sie vor dem Gesicht zu verscheuchen, und wie ein Jäger darauf zu warten, dass sie sich irgendwo niederlässt, um sich von einem gezielten Schlag in die ewigen Jagdgründe befördern zu lassen.
Genau so erging es ihr heute Morgen!
Sie hatte sich gerade sorgfältig ein Brötchen mit Butter und Marmelade geschmiert, als der Fliegenterror losging.
Erst suchte sich die Fliege ihren Arm als Landeplatz aus, von dem sie sie mit einer lässigen Handbewegung wegscheuchte.
Aber eine Fliege wäre keine Fliege, wenn sie sich nicht davon unbeeindruckt zeigen würde.
Nach fünf fehlgeschlagenen Landemanövern entschied sich die Fliege einen Kriegstanzflug genau vor ihrem Gesicht zu veranstalten.
Wie hatte es ihr Großvater immer gemacht?
Er konnte mit einer ziemlichen Erfolgsquote, Fliegen mit einer Hand fangen.
Sie legte genervt ihr Brötchen zurück auf den Teller und verfolgte konzentriert die Fliege mit den Augen.
Sie wusste, sie musste blitzschnell sein, die Hand wie ein Schlangenkopf vorschnellen lassen, und  –  zugreifen!
Nach etlichen Fehlversuchen gab sie auf und beschloss zu warten, bis sich die Fliege auf dem Tisch niederließ.
Jetzt endlich hatte die Fliege ihren Tellerrand als Landeplatz erkoren, setzte sich, und fing an sich zu putzen, oder Morgengymnastik zu machen.
Immerhin schien es, als hätte die Fliege sie als potenzielles Opfer vergessen.
Ganz langsam hob sie die Hand und senkte sie über der Fliege ab, um mit einer ruckartigen Bewegung zuzuschlagen.
Leider hatte sie die Art Hebelwirkung vergessen!‘
In dem Moment, als sie auf den Tellerrand schlug, flog dieser im hohen Bogen auf den Küchenboden, warf dabei das Milchkännchen um, und zerbrach in viele Einzelteile.
Als das Marmeladenglas bei dieser Aktion gefährlich ins Wanken kam, wollte sie es mit der Hand auffangen, und stieß dabei gezielt die Zuckerdose um.
Ihr Frühstückstisch sah aus wie ein Schlachtfeld, und von der Fliege war weit und breit nichts zu sehen!
Als sie nach ihrem Brötchen suchte, fand sie es in der Spüle wieder.
„Scheiß Fliege!“ tobte sie, und ließ sich genervt auf den Stuhl fallen.
Wenn das ein Omen für den restlichen Tag ist, dann aber wieder schnell zurück ins Bett, dachte sie, während sie das Chaos beseitigte.

Als ihr Mann mittags nach Hause kam, und die fünfte nichtige Frage stellte, reagierte sie so barsch, dass er spontan feststellte: “ Na, dich stört heut aber schon die kleinste Fliege an der Wand!“
Sie brach urplötzlich in schallendes Gelächter aus, und erzählte glucksend und mit erneuten Lachanfällen von ihrer Frühstücksschlacht.
Ganz nebenbei zeigte ihr Mann mit dem Finger auf die Wand – und da saß sie: friedlich, wie im Schlaf versunken,   –   die Kamikazefliege des heutigen Morgens!
Sie verfielen erneut in einen Lachanfall, und beschlossen sofort eine Fliegenklatsche zu kaufen.
Gesagt  –  getan!

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