Brautkleid1

Da hing es am Schrank!
Ein Traum in Weiß, mit Tüll umhüllt und überall sah man Perlen und kleine Strasssteinchen blitzen.
Morgen würde sie es tragen, und wie eine Königin zum Altar schreiten.
Sie hörte schon die bewundernden „Aaaah’s“ und „Ooooh’s“ und die flüsternden Worte: „Sieht sie nicht umwerfend aus?“
Sie ließ sich aufs Bett fallen und schloss glückselig die Augen.
Sie war angekommen!
Er war der Mann ihrer Träume!
Warmherzig und einfühlsam! Einfach ein Mann wie aus dem Bilderbuch!
Uuund seine Stimme! – Zum Dahinschmelzen!

Sie kehrte an den Tag zurück, als sie bei Edeka an der Kasse stand und eine Stimme hörte, die eine Welle des Wohlfühlens in ihr auslöste.
So warm und weich, dass sie unbedingt wissen musste, zu wem diese Stimme gehörte.
Sie drehte sich um, sah aber niemand dem sie die Stimme zuordnen konnte, denn sie sah nur Frauen in ihrer Warteschlange.
Leicht enttäuscht packte sie ihre Lebensmittel in ihren Korb, zahlte und ging gemächlich zum Ausgang.
Plötzlich hörte sie hinter sich wieder die warme weiche Stimme die fragte: „Könnten Sie so nett sein und mir für einen Moment die Tasche abnehmen?“
In freudiger Erwartung drehte sie sich um, sah aber nur einen Mann im Rollstuhl, der versuchte seine Fußpedale in die richtige Position zu bringen.
Suchend blickte sie sich nach der wohltuenden Stimme um, bis der Mann im Rollstuhl sanft fragte: „Könnten Sie…? und auf die Tasche auf seinen Schoß zeigte.
Verdattert nahm sie ihm die Tasche ab, und er konnte sich endlich zu seinen Fußpedalen herunter bücken.
Als alles zu seiner Zufriedenheit war, nahm er mit einem entwaffnenden Lächeln und dem wohlklingendsten : „Herzlichen Dank schöne Frau!“ seine Tasche wieder auf den Schoß, und rollte langsam in Richtung Ausgang.
Sie sah, dass ein Stuhl von dem kleinen Bistro im Weg stand, und eilte um ihn ihm aus dem Weg zu räumen, damit er ohne Schwierigkeiten an den Tischen vorbei kam.
Er schaute zu ihr hoch, bedankte sich und sagte: „eigentlich könnten wir doch schnell ein Käffchen zusammen trinken?! Was meinen Sie? Haben Sie Zeit? Es würde mich sehr freuen!“
Und da war es wieder dieses entwaffnende Lächeln!
Sie überlegte kurz und willigte mehr als gerne ein.
Das war nun über drei Jahre her, aber in ihr präsent als wäre es erst gestern gewesen.
Sie öffnete die Augen und betrachtete wieder ihr umwerfendes Hochzeitskleid.
Morgen würden sie ihre Liebe vor Gott und aller Welt besiegeln, und eine glückliche Träne bahnte sich ihren Weg über ihre Wange.

Es klingelte an der Tür, und der Zauber der Erinnerung war vorbei.
Zurück blieb ein Lächeln das so wissend, so liebend und sooo glücklich war.

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