Kapelle1

Es war einer der schönen Spätsommerabende. Angenehm warm, mit einem lauen Lüftchen, und einer langsam untergehenden Sonne.
Geradezu ideal für einen Abendspaziergang zu der kleinen Kapelle.
Er liebte diese kleine Kapelle, die halb versteckt hinter den Bäumen stand, und sich nur den Ortskundigen präsentierte.
Ganz selten verirrte sich ein Urlauber dort hin.
Oftmals lief er nur hin um herunterzufahren, und ganz mit sich alleine zu sein.

Gemütlich lief er den Trampelpfad entlang, der genau zu der kleinen Kapelle führte, als er durch die Bäume und Büsche etwas Orangenes  aufleuchten sah, das sich langsam vorwärts bewegte.
Bald erkannte er, dass es ein Mann mit einer Art orangenem Umhang und glattrasiertem Kopf war.
Diese „merkwürdigen“ Männer hatte er schon vereinzelt in der Stadt gesehen.
Sie stachen wie Exoten aus dem wuseligen Stadttreiben heraus.
Man sah sie auch nicht immer, trotzdem konnte man davon ausgehen, dass sie in der näheren Umgebung wohnen mussten.
Er nahm sich vor, am nächsten Tag die Bäckersfrau zu fragen. Schließlich wusste sie immer über Alles und Jeden Bescheid.
Langsam folgte er dem Mann, der zwar völlig in sich versunken, jedoch zielstrebig die Kapelle ansteuerte.
Aus sicherer Entfernung konnte er beobachten wie der orange gekleidete Mann mehrmals in tiefer Versunkenheit die Kapelle umrundete, und dann eintrat.
Erst wollte er ihm in die Kapelle folgen, aber die Art wie dieser Mann lief, und die tiefe Versunkenheit die von ihm ausging, ließ ihn zögern.
Etwas tief religiöses strahlte von diesem Mann aus, und gebot ihm auf merkwürdige Weise respektvollen Abstand zu halten.
Daher beschloss er den Mann alleine in der Kapelle zu lassen, und trat wieder seinen Rückweg an.
Am nächsten Tag sprach er seine Bäckersfrau auf diese orange gekleideten Männer an.
Sie erzählte ihm, dass es buddhistische Mönche seien, die vor einem Jahr den Resthof zwei Dörfer weiter bezogen hätten.
Sehr zurückhaltende und freundliche Männer, fügte sie noch erklärend hintenan.
Als er nach seinen Einkäufen kurz auf einer Parkbank Rast machte, kam einer dieser buddhistischen Mönche auf ihn zu, faltete seine Hände vor sein Gesicht und machte eine tiefe Verbeugung.
„Danke“ sprach er leise und freundlich,  „dass Sie mich gestern nicht in meiner Meditation gestört haben. Nicht jeder ist so rücksichtsvoll! Danke!“ und ging in diesem unverkennbaren langsamen Schritt weiter.
Verwundert blickte er dem Mönch nach.
Wieso wusste er, dass er ihn gestern im Wald beobachtet hatte?
Er war doch hinter ihm gewesen, und war sich ganz sicher, dass der Mönch sich nicht einmal umgedreht hatte.
Sehr merkwürdig! dachte er, und beschloss sich die nächsten Tage etwas näher mit der buddhistischen Lehre zu befassen.

Noch vor dem Einschlafen rätselte er, woher der Mönch wissen konnte, dass er im Wald hinter ihm war.
Es ist ihm heute noch schleierhaft!

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