Liste

In jungen Jahren war ich eine arme Socke mit einer denkbar schlechten Startposition. Ich zappelte durchs Leben wie ein Fisch im seichten Wasser.
Klar das man anfängt mit seinem Schicksal zu hadern, und dieses Das-will-ich-auch-Denken gar nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Irgendwann sagte meine damalige Chefin, genervt von meinem ständigen Wunschdenken: „So, nun gehen Sie mal nach Hause und schreiben alles auf was Sie sich wünschen, und was Sie wollen. Auf die nächste Seite schreiben Sie auf was Sie dafür tun! Dann schauen wir gemeinsam in welchen Bereichen Sie das Leben schlecht behandelt, und wo man was verändern kann.“
Diesen Vorschlag fand ich toll!
Endlich konnte ich zeigen, wie sehr mich das Leben ausbremste!
Meine Wunschliste war schnell geschrieben!
Die Wünsche donnerten wie Pfeile aufs Papier. Und ich fand, es waren Wünsche die jeder von uns hatte und auch erfüllt bekam, – nur ich nicht!
Dann ging es an die Was-tu.-ich-dafür-Liste.
Ich saß vor ihr wie ein Kind vorm Dreck.
Mir wurde schlagartig bewusst, ich wünschte nur und verharrte in ungeduldiger Erwartung auf die Erfüllung, tat aber nichts dafür!
Beschämt und resigniert saß ich vor der leeren Seite, und wollte schon die ganze Aufforderung klammheimlich unter den Tisch fallen lassen.
Zum Einen, weil mir zu dieser Liste einfach nichts einfiel, und zum Anderen weil ich erkannte, ich tat für die Umsetzung meiner Wünsche rein gar nichts.
Aber auf der anderen Seite wusste ich auch gar nicht was ich dafür tun sollte!
Ich tat doch schon alles! Ging arbeiten und hielt mein junges Leben mehr recht als schlecht über Wasser.
Was sollte es da noch geben was ich tun könnte?
Mit zehntausend Fragezeichen auf der Stirn ging ich am nächsten Tag zur Arbeit.
Ich fand es komisch, dass sich meine Chefin gar nicht für meine Wunschliste interessierte, sondern mit hochgezogenen Augenbrauen auf die leere Seite der Was-tu-ich-dafür-Liste blickte.
„Genau so hab ich mir das gedacht!“ sagte sie nur, und legte beide Seiten in ihre Schublade. „Wir reden heute Nachmittag darüber. Jetzt wird erst mal gearbeitet!“ und damit war die Angelegenheit fürs Erste vom Tisch.
Als der Feierabend näher rückte, alle Arbeiten erledigt waren, setzten wir uns in die Ruhezone, und Verlegenheit machte sich in mir breit.
Eine gefühlte Ewigkeit schaute mich meine Chefin nur an, bis sie endlich fragte: „Fühlen Sie sich wohl bei uns?“
„Na klar! Das wissen Sie doch!“ antwortete ich wie aus der Pistole geschossen.
„Langt Ihnen das?“ und ihr fragender Blick irritierte mich.
Was sollte diese Frage?
Was wollte sie von mir hören?
„Ich hatte noch nie in meinem Leben was Besseres!“ antwortete ich leiser als gewollt.
„Und warum ist dann Ihre Wunschliste so groß?“
Ich verstand nur Bahnhof! Was hatte meine Wunschliste damit zu tun ob ich mich hier wohlfühlte oder nicht?
Daher zuckte ich nur kleinlaut mit den Schultern, und spielte verlegen mit meinen Händen.
Ich glaube sie spürte meine Unsicherheit, und wusste um meine Defizite, denn sie ließ von meiner Wunschliste ab, und sprach ganz ruhig, aber eindringlich: „Sie sind ein sehr liebenswerter Mensch mit großem Potential. Sie sind beliebt, und jeder mag Sie! Aber ist das genug?“ und wieder dieser fragende Blick, mit dem ich nichts anfangen konnte.
„Ich konnte anhand Ihrer Wunschliste sehen was Sie wirklich wollen.“ und machte eine Pause, damit ihre Worte auch bei mir ankamen.
Und wie sie ankamen – getreu der Liedzeile von Roger Cizero: Ich versteh was du sagst, aber nicht was du meinst…
Sie fuhr fort: „Sie wollen Anerkennung, Achtung, Respekt und Wertschätzung! Aber nur mit einem hübschen Gesicht, Schlagfertigkeit und lockeren Sprüchen erreichen Sie das nicht! Sie brauchen Ehrgeiz, Ziele und den Willen zu lernen!“
Diese Drei sollten auf Ihrem Wunschzettel stehen, und nicht das Larifari was Sie aufgeführt haben!
Denken Sie mal darüber nach! Und  wo ich Ihnen helfen kann, werde ich es tun!“ damit stand sie auf, und entließ mich in den Feierabend.
Das hatte gesessen!
Genau das wollte ich eigentlich nicht hören!
Aber die Saat war gesät.
Ich wurde achtsam, entwickelte langsam aber stetig Ehrgeiz, stellte Fragen, nahm Kritik an, und versuchte aus Allem und von Jedem zu lernen.
Und mit der Veränderung meiner Persönlichkeit, veränderte sich auch meine persönliche Wunschliste.
Sie war nicht mehr so groß, und beinhaltete völlig andere Werte.
Ich begriff: Es geht nicht um die Ausgangsposition ob sie gut oder schlecht war. Es geht um die Wege die man einschlägt und die Weggefährten die man trifft.

Abschließend sei noch gesagt, heute ist meine damalige Chefin eine meiner besten Freundinnen, und ich sage ihr heute noch oft, wie dankbar ich für die Lektion von damals bin.
Sie hat mein ganzes zukünftige Leben positiv beeinflußt.

Dank dafür!