Hinschauen – nicht Wegschauen!
Dieser Slogan wird in allen sozialen, religiösen und umweltbedingten Bereichen von uns gefordert und ist auch absolut wichtig.
Dieser Aufruf überschwemmt uns über die Medien, über die Kirchen, den Schulen und anderen sozialen Einrichtungen!

Aber was besagt er wirklich?

Nur Hinschauen auf das was andere tun oder nicht tun, und nichts dagegen unternehmen?
Nur Hinschauen auf das „Schlimme“ dieser Welt und nichts dagegen unternehmen?
Nur Hinschauen wenn in meinem Umfeld etwas im Argen liegt und nichts unternehmen?

Nein, so sind die Aufrufe bestimmt nicht gemeint.
Und was ist mit dem Hinschauen auf uns selbst?  Schauen wir dort ehrlich und ungeschminkt?
Wenn wir ehrlich sind, ist das Hinschauen auf andere wesentlich interessanter und einfacher, als auf uns selbst.
Denn die eigenen Fehler und Mängel, das wissen wir nur zu genau, sind schwer und ungern zu beheben.
Also dann doch lieber auf die Fehler und Mängel der anderen geschaut!
Und was ist dabei unser liebster Spruch? „Die anderen machen es doch auch!“
Meine Großmutter pflegte bei diesem Satz immer zu sagen: „Wenn die anderen in den Main springen, springst du dann auch hinterher?!“
Hinschauen ist eine wichtige und soziale Aufgabe in unserem Leben. Doch wenn wir nur bei den anderen hinschauen was dort im Argen liegt und nichts dagegen unternehmen, läuft etwas entschieden schief.
Wenn jeder bei sich die Mängel und Unstimmigkeiten suchen und finden würde, bräuchte man nicht so auf die der anderen zu geiern. Denn meistens schauen wir nur sensationslüstern auf die Fehler der anderen um uns selbst sagen zu können: „Ach da bin ich ja noch harmlos dagegen!“
Wie oft hört man: „Ach guck doch mal der Sohn von der Schneidern. Der hat doch bestimmt wieder was genommen, so wie der läuft!“  Oder: „Ach guck doch die Tochter von der Lampert, die geht doch auf den Strich so wie die angezogen ist!“
Das Hinschauen ohne unmittelbar in Eingreifzwang zu geraten funktioniert bei uns allen bestens.
Erst wenn von uns gefordert wird etwas zu unternehmen, einzugreifen schauen wir entweder schnell weg, oder helfen widerwillig.
Wie oft haben wir eine Schlägerei gesehen und sind schnell in einer Seitenstraße verschwunden, oder haben von Abseits dem Geschehen zugeschaut, ohne etwas zu unternehmen. Keine Polizei gerufen, nicht persönlich eingegriffen aus Angst, wir könnten ja von der Aggression persönlich was abbekommen.
Oder die Autobahn. Wie oft sieht man einen Unfall, eine Panne ohne Helfer vor Ort und fährt weiter ohne anzuhalten weil wir es eilig haben oder nicht in irgendwas reingezogen werden wollen.

Aber Hand aufs Herz, ein schlechtes Gewissen haben wir alle wenn wir ohne zu handeln weitergehen/fahren.
Nur wir beruhigen uns mit dem Satz: „Bei mir würde doch auch keiner helfen, wieso soll ich es tun?!“
Wie schwer die Überlegung des Eingreifens ist, möchte ich Ihnen mit einer kleinen persönlichen Geschichte erzählen:

In der U-Bahn hörte ich auf einmal: „Haltet ihn, haltet ihn, er hat meine Handtasche!“ Ich sah wie ein großer schlanker Mann mit einer Handtasche in meine Richtig gerannt kam.
Was mach ich jetzt? Festhalten?
Oh nein lieber nicht, er ist stärker als ich und wirft mich um.
Einfach nichts tun – ihn vorbeilaufen lassen? Nein das kann ich auch nicht. Hey, ein Bein kann ich ihm stellen, damit er ins stolpern kommt und der Mann an der Treppe die Tasche „retten“ kann.
Ich also blitzschnell mein Fuß vorgestellt, leider viel zu früh so das er es sehen konnte und einfach über meinen Fuß weggesprungen ist.
Meine „Hilfsaktion“ ging also voll ins Leere, aber dafür konnte der Mann an der Treppe ihm die Tasche entreißen und der Dame wieder zurückgeben.

Ich konnte leider nicht behilflich sein – oder doch?
Auch wenn mein Versuch den Mann zu stoppen gescheitert ist, hat aber der Mann an der Treppe meinen Versuch gesehen und es hat ihn vielleicht  ebenfalls dazu bewegt beherzter einzugreifen, als ich es als Frau hatte tun können.
Somit war mein Versuch zwar kläglich gescheitert, aber das Endresultat erfolgreich, weil ein Anderer ebenso mutig ins Geschehen eingegriffen hatte.
Es geht nicht darum (genau wie in meiner Geschichte), dass unser Tun immer vom persönlichen Erfolg gekrönt wird, sondern das das Endresultat stimmt. Je mehr Menschen sich  in der Öffentlichkeit bemühen eine Situation positiv zu beeinflussen, umso besser und erfolgsversprechender wird das Geschehen ausgehen.
Diese kleine Episode liegt schon so viele Jahre zurück und immer wieder huscht sie mir durch den Kopf und erfüllt mich mit Freude, weil ich mir sagen kann, ich habe wenigstens im Rahmen meiner Möglichkeiten als Frau versucht etwas zu unternehmen und nicht weggeschaut.
Und was macht die Freude die man nach Jahren noch empfinden kann? Immer noch ein kleines bisschen glücklich.

Mit dem Hinschauen schaut auch der Mut um die Ecke und fragt: Hat mich einer gerufen?