Jacke

Langsam wurde es empfindlich kalt.
Handarbeitslehrerin Frau Steinhaus blickte über ihre Klasse und überlegte, welche Arbeiten sie als nächstes für ihre Schüler ausarbeiten könnte.
Eigentlich waren sie alle alt genug um stricken zu erlernen.
Ich muss sie nur für’s stricken begeistern dachte sie, und ließ ihren Blick über die Klasse streifen.
Sie war stolz auf ihre Klasse!
Bisher hatte sie alle Handarbeiten mit viel Freude mitgemacht.
Die Schulglocke klingelte zur Pause.
Da sie Pausendienst auf dem Schulhof hatte, gingen sie alle gemeinsam auf den Schulhof.
Ihr fielen sofort die drei Flüchtlingsgeschwister auf, die viel zu dünn für diese Jahreszeit angezogen waren.
Sie kamen vor drei Monaten an die Schule.
Wie schüchtern sie doch damals waren dachte sie, und freute sich wie sie heute mit den anderen Kindern herum tollten, und erstaunlich schnell die deutsche Sprache erlernten.
Sie beobachtete sie eine Weile, und blitzartig kam ihr die Idee: wir stricken jedem von ihnen eine Jacke!
Als ihre Klasse nach Pausenschluss wieder an ihren Tischen saßen, eröffnete Frau Steinhaus ihren Schülern die Idee.
„Hört mal!“ fing sie an „ihr kennt doch alle die drei Flüchtlingsgeschwister? Ist euch bei ihnen etwas aufgefallen?“ und ihr Blick schweifte fragend von Schüler zu Schüler.
Es herrschte eine ganze Weile Schweigen.
Plötzlich hob Petra in der mittleren Reihe den Finger und sagte: „Ich glaube, die frieren etwas.“
„Gut beobachtet Petra!“ lobte die Lehrerin, „Ich habe auch das Gefühl, dass sie viel zu dünn angezogen sind. Was haltet ihr davon, wenn wir ihnen als Klasse drei Jacken stricken?“
„Klasse Idee!“ tönte es aus der hinteren Reihe. „Aber wir können gar nicht stricken, und Wolle haben wir auch nicht!“
„Alles kein Problem!“ sagte Frau Steinhaus „stricken ist gar nicht so schwer. Das habt ihr ratzfatz drauf. Nur mit der Wolle müssen wir uns etwas einfallen lassen.“
Petra meldete sich wieder zu Wort: „Meine Mutter hat ganz viele Wollreste, und hat schon überlegt sie zu entsorgen. Wir könnten doch alle zuhause nach Wollresten fragen, und ihnen kunterbunte Jacken stricken?“
Begeisterung machte sich in der Klasse breit. alle plapperten durcheinander, und die meisten wären am liebsten schon nach Hause gelaufen, um alle Wollbestände einzupacken.
„Also erst mal müssen wir stricken lernen!“ rief Frau Steinhaus und klopfte auf ihr Pult, um wieder etwas Ruhe in die Klasse zu bringen.
„Was ebenso wichtig ist,  –  wir brauchen die Maße der drei Kinder. Wenn wir sie mit den Jacken überraschen wollen, müssen wir unauffällig an ihre Maße kommen.
Überlegt mal, wie wir das am besten bewerkstelligen könnten.“ Und um einen erneuten Tumult zu vermeiden, verteilte sie Blätter und bat die Kinder ihre Vorschläge aufzuschreiben, und morgen früh bei ihr abzugeben. Zudem trug sie den Kindern auf, ihre Mütter nach etwaigen Wollresten zu fragen.
Freudig verließen alle die Klasse und stürmten nach Hause.
Am nächsten Tag staunte Frau Steinhaus nicht schlecht, als fast alle Kinder mit Tüten voll Wollresten ins Lehrerzimmer kamen.
Die beste Idee um an die Maße der drei Kinder zu kommen, hatte Ines.
Ihr Vorschlag war, die Vermessung der Körpermaße als Projekt zu verkaufen. Man ging in die Klasse der drei Kinder, und nahm einfach von allen Schülern die Maße. So fiel es nicht auf, dass man nur von den drei Geschwistern die Maße brauchte.
Eine tolle Idee!
Frau Steinhaus platzte fast vor Stolz!
Fünf Mädchen aus der Klasse machten sich mit Maßbändern bewaffnet in die Klasse der Flüchtlingskinder und nahmen unter Anleitung von Frau Steinhaus alle erforderlichen Maße.
Wieder in ihrer Klasse freuten sie sich diebisch, dass ihre „Geheimmission“ so gut gelungen war.
Dann verteilte Frau Steinhaus an jedes Kind Stricknadeln und etwas Wolle, und führte sie geduldig durch die Anfänge der Strickkunst.
Da die Kinder hoch motiviert waren, erlernten sie die Technik viel schneller als erwartet.
Die einzige Schwierigkeit war, die verschiedenen Wollfäden miteinander zu verknüpfen. Aber auch das ging mit Frau Steinhaus Hilfe problemlos.
Nach drei Unterrichtsstunden konnte man schon erahnen, welch kunterbunte Teile später zusammengenäht werden würden.
Jedes Kind wollte auf einmal auch so eine kunterbunte Jacke haben.
Irgendwann nach Wochen, lagen auf dem Lehrerpult drei farbenfrohe Jacken und warteten auf ihre neuen Besitzer, denn die ersten Frostnächte hatten sie schon.
Frau Steinhaus ließ die drei Flüchtlingskinder in ihre Klasse bringen.
Neugierig und voller Erwartung saß die Klasse an ihren Tischen, und konnten die Anprobe kaum erwarten.
Die Jacken passten wie angegossen!
Und als die drei Geschwister mit ihren kunterbunten Jacken etwas verlegen vor der Klasse standen, fingen alle Kinder an zu klatschen und liefen nach vorne, um sie zu umarmen und zu erzählen, welches Teil von ihnen sei.
Frau Steinhaus stand am Fenster und schaute gerührt dieser unverfälschten Freude zu.
Als sich die Unterrichtsstunde dem Ende neigte, bedankte sie sich bei ihren Schülern für den gelungenen Einsatz, und lobte jede Einzelne für die geleistete Arbeit.
Beschwingt und voller Stolz eilten die Kinder heim, um ihren Eltern zu erzählen, wie sehr sich die Flüchtlingskinder gefreut hatten.
Und in den Köpfen der Kinder formten sich schon neue Ideen, denn Weihnachten stand bald vor der Tür.
Frau Steinhaus saß noch eine ganze Weile lächelnd an ihrem Lehrerpult.
Wenn ich Glück habe, nehmen die Kinder diese Aktion in ihr späteres Leben mit, weil sie gelernt haben, wie einfach effektive Hilfe sein kann, dachte sie, nahm ihre Tasche und verließ ebenso beschwingt wie ihre Schüler das Schulgelände.

 

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