Erlkönig

Die Literaturstunden mochte Francy überhaupt nicht!
Sie konnte mit den alten Dichter und Denker unseres Landes einfach nichts anfangen.
Für sie war das geschwollenes Geschwafel und kam gegen die Liedertexte der angesagten Popstars überhaupt nicht an.
Nun hatten sie in der Schule den alten Goethe am Wickel, und gerade sie sollte ein Referat über ihn halten.
Zu allem Übel sollte sie auch noch den Erlkönig vortragen, – auswendig versteht sich!
„Was für ein Schwachsinn!“ wetterte sie Zuhause.
„Erlkönig?!“ fragte der Vater erfreut, „den musste ich früher auch auswendig lernen! Hätte gar nicht gedacht, dass man das heute noch von euch fordert.“
Man sah wie er kurz nachdachte, und sich dann vor sie stellte und mit tiefer geheimnisvoller Stimme loslegte:
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hält den Knaben wohl in dem Arm,
er hält in sicher, er hält ihn warm.“
Nach einer Sekunde des Verdattertseins, beutelte sie ein Lachanfall und prustete los:
„Papa, wenn du dich sehen könntest!“
„Jetzt hör doch mal zu!“ forderte der Vater leicht ungehalten. „Diese Ballade ist so traurig und dramatisch, mich hatte sie damals sehr berührt!“ und setzte sich wieder schmollend auf die Couch.
„Ja dich!“ prustete Francy erneut, „ich finde dich nur peinlich!“
„Also jetzt aber ab in dein Zimmer! Lern mal schön den Erlkönig, und dann schau ich mal, ob du mir peinlich bist!“ und zeigt mit dem Finger zur Tür.
Nach Stunden kam sie wieder raus und setzte sich neben ihren Vater und sagte: „Du hattest so Recht gehabt Papa, das ist wirklich ein arg trauriges Gedicht!“
„Ballade!“ korrigierte er sie. „Und? Kannst du sie schon auswendig?“
„Es geht.“ antwortete sie unsicher.
„Na, lass mal hören! Und lebe die Zeilen beim Vortragen. Du musst deine Mitschüler in deinen Bann ziehen.“
Vorsorglich hatte sie sich die Ballade ausgedruckt, um doch schnell abgucken zu können, wenn sie ins stocken geriet.
„Nicht schlecht!“ sagte der Vater als sie fertig war.
„Wenn du noch ein bisschen mit deiner Stimme spielst. Angst und Verzweiflung darin transportierst, hast du sie alle in deinen Bann gezogen.“
Angespornt von den wohlwollenden Worten ihres Vaters ging sie wieder in ihr Zimmer.
Ab und zu hörte man einzelne Gedichtzeilen, die sie öfters wiederholte.
Lächelnd saß der Vater im Wohnzimmer und dachte: Meine Kleine!…
Am nächsten Tag kam Francy freudestrahlend ins Wohnzimmer gestürmt.
„Papa, Papa, eine 1 plus habe ich für das Referat und das aufsagen des Gedi.., der Ballade bekommen. Jetzt bist du platt oder?“ und ließ sich stolz auf die Couch fallen.
„Ja mein Kind, das bin ich wirklich! Und nicht nur platt, sondern auch richtig stolz auf dich!“ und nahm sie in den Arm:

Nach einer Weile sagte sie:„Papa, wenn ich mal so alt bin wie du, werde ich es auch noch auswendig können!“
„Na hoffentlich lachen dich dann deine Kinder nicht auch so aus, wie du mich!“ und nahm sie wieder in den Arm.

copyright seelenkarussell