Vogeltränke

Ein sonniger Tag bahnte sich an.
Die ersten Sonnenstrahlen blitzten durch die Jalousien, und weckten Jan-Lukas.
Freudig sprang er aus dem Bett und stürmte zu Opas Zimmer.
Er wollte ihn wecken, denn er hatte versprochen mit ihm eine ganz besondere Vogeltränke zu bauen.
Da Großvater ihm nicht erzählt hatte wie sie aussehen würde, war er gespannt wie ein Flitzebogen.
Als er die Zimmertür aufriss und: „Opa, Opa, aufstehen!“ rief, blieb er wie angewurzelt stehen.
Der Opa lag nicht im Bett, und seine Kleidung lag auch nicht über dem Stuhl.
Jan-Lukas rannte ins Bad.
Doch die Badtür stand offen, und von Opa keine Spur.
Aufgeregt rannte er die Treppe zur Küche runter, wo er seine Mutter mit dem Geschirr klappern hörte.
„Mama, wo ist Opa?“ rief er ganz aufgeregt, und schaute sich suchend um.
„Na, wo er immer um diese Uhrzeit ist. Oben halt!“ sagte sie ruhig, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.
„Nein! Eben nicht! Ich hab überall geschaut!“ und seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Luki, wo soll er denn sein? Soll ich mal selber schauen gehen?“ und strich ihrem aufgelösten Sohn über den Kopf.
„Schau du mal im Garten nach, und ich geh mal nach oben.“
Luki rannte in den Garten, schaute im Schuppen nach, lief in die Garage, aber von Opa keine Spur.
Auch die Mutter kam besorgt wieder nach unten.
Wo kann er denn nur stecken? dachte sie. Immerhin war er 82 Jahre alt, und schon etwas wackelig auf den Beinen. Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte.
Jetzt war auch die Mutter etwas beunruhigt.
Es war das erste Mai, wo ihr Vater ohne Bescheid zu sagen, das Haus verließ.
Luki und die Mutter liefen nach draußen und riefen lautstark nach ihm.
Alles blieb still, nur das Zwitschern der Vögel war zu hören.
Nun fing Luki endgültig an zu weinen und schluchzte: „Er wollte mit mir die Vogeltränke bauen, und nu ist er weg!“
Beide saßen ratlos am Küchentisch.
„Er wird schon gleich wieder kommen!“ sagte die Mutter tröstend, warf aber trotzdem immer wieder einen besorgten Blick aus dem Küchenfenster.
Eine Stunde warteten sie nun schon, und die Mutter war am überlegen, ob sie nicht doch die Nachbarn anrufen sollte.
Vielleicht hatten sie ja ihren Vater gesehen.
Gerade als sie zum Handy greifen wollte, hörten man im Hof etwas rattern.
Luki rannte raus!
Sein Opa kam mit einem Bollerwagen und einem breiten Grinsen in den Hof geschlurft.
„Opa, Opa, da bist du ja! Ich hatte solche Angst! Wo warst du denn?“ und rannte auf ihn zu und umarmte ihn so fest er konnte.
„Na, siehst du doch! Ich hab schon mal den Bollerwagen beim Jens geholt. Wir wollen doch die Vogeltränke bauen oder nicht?“ und drückte seinen Enkel liebevoll.
Den vorwurfsvollen Blick seiner Tochter ignorierte er gekonnt und fragte nur, ob das Frühstück fertig sei.
Nachdem sie alle zusammen ausgiebig gefrühstückt hatten, zogen Opa und Luki mit dem Bollerwagen freudig in Richtung Wald.
Nach drei Stunden kamen sie mit einem ordentlichen Baumstumpf wieder zurück.
Den ganzen Nachmittag waren die Zwei nicht zu sehen.
Dann endlich sah die Mutter wie sie den Baumstumpf in den Garten trugen.
Sie eilte hinaus, und stand vor der schönsten Vogeltränke ihres Lebens.
„Gut gemacht!“ und klopfte Beiden auf die Schulter.
Dann stellte sie sich mit einer Gießkanne vor die Tränke.
Während sie das Wasser einlaufen ließ sagte sie feierlich: „Hiermit taufe ich dich auf den Namen: -Opa-ist-verschwunden-Tränke!“ und alle lachten herzhaft.
Jeden Morgen und jeden Abend saßen sie auf der Terrasse und beobachteten wie die Vögelchen sich im Wasser putzten, und die Ängste um Opas Verschwinden waren vergessen.

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