Ilbenstadt

Wir traten durch eine große Glastür und befanden uns in einem langen Flur.
Links befanden sich zwei Toiletten, und gleich daneben ein großer Waschraum mit ca. 12 Waschbecken, und am Fenster eine lange Wäscheleine, auf der lauter Schlüpfer hingen.
Gegenüber des Waschraums befand sich eine Nische, in der jeden Donnerstag die Wäscheabgabe erfolgte.
Die nächste Tür war das Zimmer der Gruppenmutter, indem sie bis auf ihre freien Tage auch schlief.
Am Ende des Flures befanden sich drei Schlafräume. Ein 6-Bettzimmer, ein 5-Bettzimmer und ein 4-Bettzimmer.
Meine Hoffnung in das 4-Bettzimmer zu kommen zerschlug sich in dem Moment, als sie mir im 5-Bettzimmer das Bett in der Mitte zuwies.
Es waren schlichte Eisenbetten, die alle überaus akkurat gemacht waren. Neben jedem Bett stand ein weiß lackiertes Nachtschränkchen.
Die Gruppenmutter erklärte mir, dass außer einem Buch nichts darauf zu suchen hätte, und im Nachtschränkchen nur der Kulturbeutel zu sein habe.
Die Schlafräume sahen eher aus wie Krankenzimmer!
Ein einziges schlichtes Holzkreuz „schmückte“ jedes Zimmer und das war’s!
Vom großen Flur führte ein weiterer Flur in den Tagesraum.
Auf der einen Seite des Flures waren drei Reihen mit kleinen Spinten, unter deren Lüftungsklappen je ein weißes Schildchen mit Initialen und einer zweistelligen Nummer angebracht waren.
In der ersten Reihe zeigt sie mir meinen Spint.
Unter der Lüftungsklappe sah ich die Initialen: GH83.
Unverkennbar meine Initialen.
Ich war auf zwei Buchstaben und zwei Zahlen reduziert!
Gegenüber der ersten Spintreihe befand sich eine Ecke, in der eine große dunkle Tonne stand, die als Schweineeimer bezeichnet wurde.
Die berüchtigte  Dreckecke!
Hier musste jedes Mädchen mit ihrem Bettzeug die Nacht verbringen, die das Schweigen von abends 19 Uhr bis morgens um 7:30 Uhr gebrochen hatte.
Eine echt eklige Angelegenheit!
Denn auch durch die regelmäßige Säuberung eines Kammerjägers tummelten sich dort die Kakerlaken.
Gleich danach kam die Teeküche, in der 3x am Tag das Essen verteilt wurde.
Die Reste davon landeten im Schweineeimer und wurden von einem Bauern der Umgebung einmal die Woche abgeholt.
Dann betraten wir den Tagesraum!
Das Erste was man sah, waren drei große Fischaquarien und ein Aquarium mit Wasserschildkröten.
Ein Hobby der Gruppenmutter, aber für deren Instandhaltung wir Mädchen verantwortlich waren.
An allen  Wänden standen kleine Schränkchen, in denen die Schulsachen, Musikutensilien, Instrumente, Spielsachen und den Naschereien, die die Mädchen von ihren Eltern geschickt bekamen, untergebracht waren.
Ansonsten standen nur 3 große Tische und Stühle im Raum verteilt.
Auf den in der hinteren Ecke steuerte die Gruppenmutter zu, und legte meinen Koffer darauf ab.
Bis zu dem Moment hatte ich noch kein Mädchen zu Gesicht bekommen.
Das Haus wirkte wie ausgestorben.
Zaghaft fragte ich wo denn die anderen Mädchen seien.
Während die Gruppenmutter den Inhalt meines Koffers auf dem Tisch verteilte, erklärte sie mir, dass die Mädels bei den 3 Teichen wären, um Wasserflöhe für die Fische zu fangen.
Mich ekelte es entsetzlich!
Sie schickte mich zum Nähschränkchen um eine Kiste zu holen, in der sich neben Nähzeug schon Einnähschildchen mit meinen Initialen GH83 befanden.
In jedes meiner Kleidungsstücke wurden meine Initialen eingenäht, während sie mir den Tagesablauf und die Regeln erklärte.
Wie schon erwähnt, war von abends 19 Uhr bis zum nächsten Morgen 7;30 Uhr Schweigen. Das hieß, es durfte in diesem Zeitraum kein Wort mehr gesprochen werden.
Wer beim Reden erwischt wurde, landete die Nacht in der Dreckecke beim Schweineeimer.
Geweckt wurde um 6:30 Uhr.
Um 7:30 Uhr war Frühstück, doch davor mussten die Ämter erledigt sein, wie: alle Flure, Waschraum und Toiletten feucht aufwischen, und auch die Betten mussten akkurat gemacht sein.
Vor dem Frühstück wurde gebetet und nach dem Frühstück wurde der Tagesraum zum Klassenzimmer umgebaut.
Unterricht hatten wir von 8 Uhr bis 12:30 Uhr.
Danach wurden die Tische wieder zu einer langen Tafel zusammengestellt, und für das Mittagessen eingedeckt.
Das Geschirr schien aus Aluminium zu sein, dafür aber besonders gut stapelbar.
Vielleicht stammte es aus alten Armeebeständen.
Die Mädchen die für den Küchendienst eingeteilt waren, mussten in die Großküche im Keller und die Essensbottiche herauf tragen.
Auch das Essen verlief schweigend. Wer redete musste entweder im Stehen essen, oder mit seinem Essen in die Teeküche gehen.
Danach wieder ein Dankgebet, Küchendienst und anschließend die Hausaufgaben.
Während wir in der Schule waren kontrollierten die Erzieherinnen ob wir unsere Ämter am Morgen ordentlich verrichtet hatten.
War ein Amt nicht zur Zufriedenheit ausgeführt hatte, musste es nach dem Essen nochmals machen.
Bei Betten die nicht ordentlich gemacht waren, wurde das Bettzeug einfach herausgerissen und vor das Bett gelegt.
Alle Verstöße hatten einen Eintrag ins Strichbuch zur Folge.
Das Strichbuch war in Rubriken wie: Betragen, Fleß, Ordnung, Schweigen und Ämter unterteilt.
Für jedes Vergehen wurde in der jeweiligen Rubrik ein Strich vermerkt.
Jeden Samstagnachmittag bevor die geringe Freizeit begann, mussten wir uns im Tagesraum versammeln, und das Strichbuch wurde abgehandelt.
Wer mehr als 5 Striche die Woche „gesammelt“ hatte, für den waren der einzigen freien Nachmittagsstunden gestrichen, denn er musste Aufsätze über die Regeln des Hauses schreiben.

Man konnte dem Strichbuch gar nicht gerecht werden, weil es einfach unmöglich war, eine Woche fehlerfrei zu überstehen.!!
Was waren das nur für Erziehungsmethoden?
Es packt mich gerade im Moment wieder der blanke Zorn über so viel Willkür und Machtgehabe!!

-Fortsetzung folgt-

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