Kindergrab

„Leonie, wir müssen los, wenn wir noch zur Oma auf den Friedhof wollen!“ rief die Mutter ins Kinderzimmer.
„Oh ja!“ schallte es zurück.
„Gehen wir dann dort auch noch ein bisschen spazieren?“ und ein kleiner Kinderkopf lugte in die Küche.
„Wenn du magst!“ antwortete die Mutter, fügte aber schnell als Alternative hinterher: „Wir können aber auch gleich danach zum Spielplatz gehen.“
„Nö, ich will Grabsteine gucken! Ich find die sooo schön!“ kam aus dem Flur.
Woher hat dieses Kind nur die Affinität für Friedhöfe her, überlegte die Mutter, und zog sich ihren Mantel an.
Leonie stand schon abmarschbereit an der Tür.
An Omas Grab sagte Leonie leise: „Ich find’s arg schade, dass Oma jetzt im Himmel ist, und ich sie nicht mehr besuchen kann“ und ihre Stimme zitterte verdächtig
„Ach Leonie, wenn du all deine Aufgaben hier auf Erden erledigt hast, wirst du sie wiedersehen!“ tröstete die Mutter und legte den Arm um ihre Schulter.
„Ja hoffentlich!“ antwortete die Kleine und zupfte ihre Mutter am Mantel um weiter zu gehen.
Sie liefen eine Weile durch den Friedhof, als Leonie abrupt stehen blieb und rief: „Mama, dahinten ist ja lauter Spielzeug!“ und eh sich die Mutter versah, rannte sie dort hin.
Als die Mutter sie eingeholt hatte, stand ihre Tochter ganz erschrocken vor einem kleinen frisch aufgehäuften Grab, auf dem nur das kleine Holzkreuz stand, und darauf wie zur Bewachung, ein großer Teddy saß.
Leonie klammerte sich an die Hand der Mutter, und sah sie nur fragend an.
„Ja Leonie, hier liegen all die kleinen Kinder, die der liebe Gott wieder zu sich gerufen hat“ erklärte die Mutter leise und selbst sehr berührt.
„Aber die haben doch noch gar nicht ihre Aufgaben erfüllt“ und eine große Träne kullerte über ihre Wange.
„Doch das haben sie!“ „Weißt du, nicht jede Aufgabenliste
iste ist auch so lang, dass du so alt werden musst wie Oma.“ setzte sie hinterher.
Man sah der Mutter an wie unangenehm ihr diese Situation war
Leonie ging ganz langsam von Grab zu Grab und bestaunte trotz ihrer Traurigkeit all die Spielsachen.
„Würdest du mir auch meine Spielsachen bringen, wenn mich der liebe Gott holen würde?“ und wieder rann eine große Träne die Wange herunter.
„Ja natürlich würde ich das tun! Aber wie du siehst, scheint deine Aufgabenliste riesengroß zu sein. Und das ist auch schön so!“ und die Mutter umarmte sie ganz fest.
„Nun lass uns gehen, der Spielplatz ruft!“ sagt die Mutter und wollte sich gerade zum Gehen umdrehen, als Leonie rief: „Warte!“ und schnurstracks auf ein Grab zulief, das völlig verwahrlost aussah.
„Was ist denn das?“ fragte Leonie und man sah das Entsetzen in ihren Augen.
Kein Spielzeug, der Grabstein von Moos überzogen, und Unkraut wucherte über das ganze Grab.
„War das ein böses Kind?“ fragte sie
Leonie, es gibt keine bösen Kinder! Vielleicht sind die Eltern auch gestorben, oder sie mussten wegziehen. Ich weiß es nicht!“
Leonie kniete schon vor dem Grabstein und versuchte ihn vom Moos zu befreien. „Ich möchte gerne wissen wie das Kind heißt“ sagte sie knapp.
Also bückte sich auch die Mutter und legte so gut es ging den Grabstein frei. Sie las den Namen vor: Luise Lebmann.
Leonie stand ganz still da und sagte dann fest entschlossen: Luise, morgen komme ich wieder und bringe dir Spielzeug und schöne Blumen! Gell Mama!“ und schaute ihrer Mutter fest in die Augen.
„Ach Leonie wie lieb von dir! Ja, das machen wir! Aber nun lass uns zum Spielplatz gehen Das hier war nun traurig genug!“ und sie verließen schweigend den Friedhof.

Als sie endlich Zuhause angekommen waren, stürzte Leonie sofort in ihr Kinderzimmer und sortierte Spielsachen für Luise aus.
Am nächsten Tag gingen sie mit ihren Gartenutensilien auf den Friedhof, säuberten das Grab, pflanzten Blümchen in allen Farben, und Leonie setzte ihre Spielsachen auf das Grab.
„Oh, es ist soooo schön geworden Mama! Ob Luise sich freut?“ fragte sie.
„Natürlich freut sie sich!“ antwortete die Mutter und füllte den Eimer mit dem ganzen Unkraut.
Leonie stand still vor dem kleinen Grab.
„Komm jetzt!“ sagte die Mutter.
Leonie beugte sich zum Grabstein hinunter, streichelte ihn und sagte: „Wir kommen dich wieder besuchen Luise. Versprochen!!“ dann ging sie zufrieden an der Hand der Mutter zum Ausgang.

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