Riesenrad

Die Bescherung war voll im Gange.
Peter und Jonas rissen an den Geschenkverpackungen, um endlich zu sehen, was sich in den Päckchen verbarg.
War es Spielzeug, brach großer Jubel aus, und bei den Anziehsachen, oder Schulutensilien, war die Freude gedämpfter.
Jonas hatte schon zwei Päckchen ausgepackt, aber das Geschenk seiner Begierde war immer noch nicht dabei.
Er hatte sich so sehr das Riesenrad von Lego Creator gewünscht.
Ein Päckchen für ihn lag noch unter dem Baum, und er war fest davon überzeugt, es war sein Riesenrad!
Er riss ungeduldig das Geschenkpapier ab, und als er das Logo von Lego sah, jubelte sein Herz schon.
Doch als er den Karton in den Händen hielt, fing seine Unterlippe verdächtig an zu zittern, und in binnen drei Sekunden brach er in hysterisches Weinen aus.
„Das wollte ich nicht! Ich wollte ein Riesenrad!!“
Er nahm den Karton und warf in wütend in die Ecke.
Für ihn war die Bescherung gelaufen!
Die Mutter setzte sich zu ihm auf den Boden und versuchte ihn zu beruhigen. Sie wusste ja, dass Oma nachher sein Riesenrad als Geschenk mitbrachte.
Aber der Kleine war nicht zu beruhigen! Jede Berührung wehrte er wütend ab.
Schluchzend und vorwurfsvoll sah er seine Mutter an und schrie: „Da darf man sich schon mal was wünschen, und dann bekommt ich so einen Schrott!“
Er trat mit seinem Fuß gegen den Karton und lief aus dem Zimmer.
Die weihnachtliche Stimmung war dahin.
Die Eltern waren so überzeugt, dass der Rettungshubschrauber ihn erfreuen würde.
Sie sahen sich hilflos an.
Endlich sagte der Vater: „Diese Aktion war völlig daneben! Ich geh jetzt zu ihm und rede mit ihm!“ Zu seiner Frau gewandt sagte: „Geh in die Küche und pack das Päckchen wieder ein.“
Verwundert schaute sie ihn an.
„Geh und mach halt!“ sagte er nur, und ging zu seinem Sohn ins Kinderzimmer.
Sie konnte nicht hören was die Beiden miteinander sprachen, aber sie hörte am lauten Weinen ihres Sohnes, dass das Gespräch keine gute Wendung für ihn nahm.
Nach einigen Minuten hörte sie wie der Vater die Kinderzimmertür öffnete, und streng sagte: „In fünf Minuten will ich dich hier im Flur sehen!“
In der Zwischenzeit war der Rettungshubschrauber wieder schön verpackt.
Sie hielt das verhasste Geschenk in der Hand, und schaute ihren Mann fragend an.
„Ja, ich habe beschlossen, er bringt den Hubschrauber rüber zu Thomas. Diese Familie macht gerade harte Zeiten durch, und so werden auch die Geschenke für Thomas aussehen.
Wenn unser Sohn ein Geschenk so gering wertschätzt, weil es nicht unbedingt das ist, was er sich gewünscht hat, verdient er es auch nicht mehr!“ und sah seine Frau fast trotzig an.
Sie sah, wie sehr ihn die Reaktion seines Sohnes verletzt hatte.
„Ja“ sagte sie „irgendwie hast du ja Recht! Aber muss das direkt an Heiligabend sein?“
„Wann sonst?“ antwortete er „Jetzt sind seine Empfindungen noch ganz frisch, und er wird diese Aktion niemals im Leben vergessen.“
Damit war für den Vater alles gesagt und er stand wartend im Flur, bis sein Sohn aus dem Kinderzimmer kam.
Er drückte seinem Sohn wortlos sein missachtetes Geschenk in die Hand und sagte nur: „Los komm!“
Die Mutter sah ihnen hilflos traurig nach.
Bei den Nachbarn angekommen, klingelte der Vater und entschuldigte sich für die Störung an Heiligabend. „Könnten wir kurz Thomas sprechen?“ fragte er lächelnd.
„Thomas! Kommst du mal kurz!“ rief die Mutter, und Thomas stürmte an die Tür.
Der Vater stupste Jonas an, und dieser reichte Thomas gequält das Päckchen und sagte: „Frohe Weihnachten Thomas!“
Als Thomas das Geschenk sah, fiel er Jonas um den Hals ohne den Inhalt zu kennen, und bedankte sich unter freudigen Tränen.
Wieder Zuhause angekommen war Jonas wie umgewandelt.
„Mama, Thomas hat das Geschenk noch gar nicht ausgepackt, und hatte sich gleich so gefreut. Er ist mir sogar um den Hals gefallen!“
Man sah ihm an, wie sehr ihn diese Situation beeindruckt hatte.
Die Mutter nahm ihn in den Arm und sagte: „Ja Jonas, manchmal ist es gar nicht wichtig was das Geschenk in sich birgt, sondern nur, dass man ein Geschenk bekommt!“ und führte ihn wieder ins Wohnzimmer.
Kurz darauf klingelte es, und die Großeltern brachten ihre Geschenke für die Kinder.
Als Jonas sein Riesenrad auspackte, leuchteten seine Augen wie Sterne, und er umarmte seine Großeltern innig, und es wurde noch ein wunderschöner Heiligabend.
Schon im Bett liegend sagte er zu seinem Vater: „Tut mir leid Papa!“
„Schon gut mein Sohn!“ antwortete sein Vater und strich ihm liebevoll übers Haar.
An der Tür drehte er sich nochmal um und sagte: „Jonas! Du bist ein guter Junge! Ich liebe dich sehr!“ und Jonas antwortete: „Ich dich auch Papa!“
Leise schloss sich die Kinderzimmertür.
Bei einem Glas Rotwein schauten sich die Eltern an und meinten fast gleichzeitig: „da haben wir doch Gott sei Dank wieder alles richtig gemacht!“ und prosteten sich zufrieden zu.

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