tag x 017 (Klein)

Der Wind trug den Schrei der Möwe über den Deich.
Eine alte Frau saß versonnen auf der Bank, und horchte auf!
Dieser Schrei der Möwe war anders!
Ganz anders!
Und sie musste es schließlich wissen, denn sie kannte alle Nuancen der schreienden Möwen sehr genau!
Doch dieser Schrei. berührte sie auf eine ganz wundersame Weise!
„Komm her kleine Möwe“ rief sie ganz spontan, „komm her zu mir!“
Und als hätte die Möwe ihr Rufen verstanden, flog sie einen großen Bogen und kreiste über ihrer Bank.
Die alte Frau saß ganz still.
Sie traute sich keine Bewegung zu machen, um sie nicht zu verschrecken.
Nach zwei Umkreisungen setzte die Möwe sanft auf den Boden auf, und blickte die alte
Frau sekundenlang durchdringend an.
Es war ein Blick, der ihr Innerstes tief  durchdrang!
Die alte Frau merkte wie etwas in ihrer Seele in Bewegung kam.
Wie eine leichte Welle erst, die sich dann zu einer großen Woge auftürmte.
Doch diese Woge hatte für sie nichts beängstigendes, sondern weckte in ihr eher das Verlangen mit ihr Eins zu werden.
Ja, mit ihr zu verschmelzen!
Die Möwe hatte sich ihr bis auf einen Meter genähert, und verharrte dann regungslos, wie in stiller Erwartung.
Die alte Frau blickte sie mit einem dankbaren, wissenden Blick an, hob die zittrige Hand wie zum Gruß, seufzte tief, und schloss die Augen.
Genau in diesem Moment breitete die Möwe ihre Flügel aus, und segelte in ihrer angeborenen Leichtigkeit wieder aufs Meer hinaus.

Wenig später fanden Spaziergänger eine alte Frau auf einer Bank, in deren Gesicht sich die Ewigkeit spiegelte, und deren Lächeln den Übergang in die Unendlichkeit willkommen hieß.

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