Falkee2

Er war in seinem Viertel der Macher, der Denker, der Lenker und der Schenker.
Mittlerweile war er 75 Jahre alt, aber man sah es ihm wahrlich nicht an.
Seine Augen waren wach und lebendig. Wie ein Falke halt!
In diesem Viertel wurde er geboren, und er hatte es bis auf drei Monate Kanada nie verlassen.
In Kanadas Wälder war er als er 40 wurde.
Sein größter Traum!
Und als damals seine Frau überraschend an Krebs verstarb, packte er einen großen Rucksack, plünderte bis auf einige Notgroschen sein Erspartes, und zog von dannen.
Sein Viertel stand Kopf!
Drei Monate ohne den Falken? Wie sollte das gehen!
Und jeder vermisste ihn auf seine Weise.
Als eine Postkarte kam, die seine Heimreise ankündigte, organisierten alle ein riesen Straßenfest.
Alle standen sie Spalier als er mit seinem Rucksack in die Straße einbog.
Es hatte ihn schier umgehauen!
Die Freude und die Zuneigung die ihm entgegenschwappte raubte ihm den Atem.
35 Jahre war das nun her, und er merkte wie seine Kräfte langsam schwanden.
Das Laufen fiel schwerer, und auch seine Augen machten Probleme.
Nichtsdestotrotz war er für alle ansprechbar, und einen Lichtschalter reparieren, oder die Glühbirne für die alte Frau Stein zu wechseln, ging immer noch.
Heute saß er wie immer am Spielplatz auf der Bank, und genoss das Spiel der Kinder.
Seine alten Kumpels waren zum Teil schon verstorben, und er dachte so für sich: Langsam wird es einsam für den Falken!
Die meisten Kinder am Spielplatz waren die Kinder von den neuen Häusern, die vor fünf Jahren erbaut wurden.
Jaaa, die Reihen lichten sich, dachte er gerade, als er Kurt seinen Nachbarn und besten Freund kommen sah.
Er rutschte etwas zur Seite um ihm Platz zu machen.
„Na Falke, wie geht’s?“ fragte ihn Kurt, und ließ sich schwerfällig auf die Bank fallen.
„Die Tage werden länger, und der Atem kürzer“ antwortete der Falke schlagfertig und grinste.
„Ja ja, der Zahn der Zeit nagt auch an uns!“ gab Kurt lachend zurück.
„Na komm, – du bist gegen mich noch ein junger Hüpfer! Weißt du noch, als ich dich am Baggersee aus dem Sand buddeln musste, weil dir deine Kumpels eine Lektion erteilen wollten?“ „Ach, was waren das noch für tolle Zeiten damals!“ setzte er melancholisch hintenan.
„Ja, das waren sie! Heute wird mir alles fremder hier! Die Jungen sind alle weggezogen, und nur wir Alten sitzen hier kampfesmüde auf der Bank.“
„Weißt du was ich noch einmal gerne tun würde Kurt?“ fragte Falke nach einer Weile des Schweigens.
„Hmmm?“ kam es maulfaul von der Seite.
„Ich möchte gerne noch einmal nach Kanada!“
„Nach Kanadaaaa?“ Kurts Kopf flog herum „bist du verrückt! In deinem Alter!?“
„Jaaa! In meinem Alter! Was spricht denn dagegen? Wir mieten uns einen Jeep und gut ist’s!“ antwortete der Falke fast barsch.
„Du sagtest eben -Wir-. Wer sind -Wir-?“ und Kurt schaute ihn ungläubig ahnungsvoll an.
„Du und ich?!“
„Das glaubst du doch selber nicht! Ich bin fast 60 und meine Wehwehchen werden auch nicht weniger!“ gab Kurt baff vor Staunen zurück.
„Meeein Gott! Stell dich nicht so an! Ich bin 75  –  was soll ich denn sagen?! Wollen wir abdanken, ohne nochmal was Großes erlebt zu haben? Wir vertrocknen doch hier langsam auf der Bank!“ setzte er fast trotzig nach.
Nach einer langen quälenden Pause blickte ihn Kurt an und fragte: „Und das meinst du wirklich ernst?“
„Was glaubst du denn? Ich hab schon alles bis ins Kleinste durchgespielt! Eine Seniorenreise wäre anstrengender!“ und grinste ihn an.
„Warum gerade ich?“ fragte Kurt, und in seiner Stimme schwang zart eine gewisse Abenteuerlust mit.
„Weil du der Rüstigste von uns Übriggebliebenen bist, und…“ er machte eine Pause, „weil du mein bester Freund bist!“ Falkes Blick war bittend und auffordernd zugleich.
Nach drei Wochen der Vorbereitung und Ausräumung jeglicher Bedenken, saßen sie endlich, aufgeregt wie kleine Jungs, im Flieger Richtung Vancouver.
Sie staunten nicht schlecht, als sie am Flughafen Vancouver ein fast neuer Jeep erwartete.
Mit rotglühenden Ohren vor Aufregung warfen sie ihre Rucksäcke hinein und steuerten den Jeep in Richtung Kanadas Wälder.
Während der Fahrt erzählte Falke von dem alten Medizinmann, den er in den Wäldern kennenlernen durfte.
„Damals“ erzählte er, „hatte er seinen kleinen Enkel bei sich, der recht gewissenhaft irgendwelche Kräuter mit einem Stein zermahlte. Er gab mir damals mit Händen und Füßen zu verstehen, dass er sein Nachfolger werden würde! Mittlerweile müsste er ein stattlicher junger Mann geworden sein! Mich würde interessieren, ob der Kleine von damals tatsächlich seine Nachfolge angetreten hat.“
„Na wenn wir schon hier sind, lass uns nachschauen, ob dem so ist!“ antwortete Kurt unternehmungslustig und gab die Route ins Navi ein.
Der Falke kramte unter seinem Hemd den Talisman hervor, den er damals von dem alten Medizinmann bekommen hatte.
Er ließ in der Hand hin und her gleiten, und plötzlich hatte er das Gefühl, dass er in seiner Hand zu „glühen“ anfing.
„Wir tun genau das Richtige!“ sagte er laut, aber mehr zu sich selbst.
Nach dreistündiger Fahrt parkten sie den Jeep an einer kleinen Lichtung, denn das Navi musste schon vor einer halben Stunde der Landkarte den Platz räumen, und für den Jeep schien es jetzt auch nicht mehr weiterzugehen.
„Es kann nicht mehr all zu weit sein!“ sagte Falke und stapfte zielstrebig los.
Nach einer weiteren halben Stunde wurde der kleine Weg zu einem Trampelpfad, und Falkes Nervosität stieg ins Unermessliche.
„Vielleicht geht sein Enkel mit uns an ihren heiligen Platz“ erzählte der Falke. „Du wirst merken und fühlen wenn du dort bist, dass es ein ganz besonderer Platz ist!“
Sie teilten die Zweige die sie am Weitergehen hinderten, und dann sahen sie die kleine Hütte aus der Rauchschwaden hervorstiegen.
„Er ist sogar da!“ rief Falke voll aufgeregter Freude.
Und wie auf Ansage trat ein junger Mann mit schwarzen langen Haaren und freiem Oberkörper aus der Hütte.
Falke und Kurt blieben in einem respektvollen Abstand stehen, und Falke hielt dem jungen Indianer sein Amulett entgegen.
Das Leuchten in seinen Augen zeigte, dass er es sofort wieder erkannte und freudig auf sie zulief.
Er bat sie in die Hütte, machte Tee, und die Stunden vergingen in einem Kauderwelsch an Sprachen und Gesten.
Als die Dämmerung einsetzte, führte sie der Enkel des alten Medizinmannes zu ihrem heiligen Platz.
Still lauschten die Beiden dem Singsang des jungen Indianers, und Falke spürte plötzlich die starke Präsenz des alten Medizinmannes.
Wie zustimmend nickte ihm der Enkel zu, und ein tiefer wohltuender Friede durchströmte ihn.
Der Falke war an seinem Bestimmungsort angekommen!
Er wusste es in dem Moment, als er die Augen schloss.

Drei Tage später landete Kurt wieder in Deutschland mit zwei Rucksäcken und dem Amulett vom Falken, das ihm der junge Medizinmann mit einer feierlichen Zeremonie noch um den Hals gehängt hatte.
Ein tiefes dankbares Lächeln umspielte Kurts Gesicht, als er ins Taxi stieg und alleine in ihr Viertel zurück fuhr.

 

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