Kirche1

Als Linda die große Kirche betrat, befiel sie gleich ein eigenartiges Gefühl.
Es war beklemmend, und auch wieder nicht!
Ein sehr merkwürdiges Gefühl!
Sie schaute sich interessiert um, und suchte nach einem Hinweis, warum sie diese ungute, ja fast schmerzliche Wahrnehmung hatte.
Doch nichts deutete darauf hin, dass in dieser Kirche etwas anders war als in anderen Kirchen. Bunte Kirchenfenster, Gebetsbänke, zwei Beichtstühle, Kanzel, Orgel und der große Altar, über dem ein mächtiges Kreuz hing, von dem Jesus leidend, aber doch gütig herab sah.
Und doch, – sie empfand sogar die Stille, die in anderen Kirchen so wohltuend war, hier als bedrückend.
Sie überlegte kurz, das Gotteshaus wieder zu verlassen, aber etwas hinderte sie am Gehen.
Zögerlich ging sie auf den Altar zu, und mit jedem Schritt wurde das beklemmende Gefühl intensiver.
Kurz vor dem Altar stoppte sie abrupt, als würde sie eine unsichtbare Hand am Weitergehen hindern.
Unweigerlich blickte sie auf den Boden und nahm ganz unbewusst die weißen Kreidespuren wahr.
Sie trat erschrocken zurück, denn die Kreidespuren zeichneten beim näheren Hinsehen einen menschlichen Körper ab.
„Ach du meine Güte!“ stieß sie laut hervor, und schlug sofort ein Kreuzzeichen.
Wie gebannt schaute sie auf die Kreidezeichnung, an der vor kurzem ein Mensch gelegen haben musste.
Das sieht verdammt nach einem Tatort aus, dachte sie entsetzt und wollte schon fluchtartig die Kirche verlassen, als seitlich aus dem Kirchenschiff eine Nonne auf sie zukam.
Linda starrte die Nonne so erschrocken an, als sehe sie eine Erscheinung.
Die Nonne machte vor dem Altar einen tiefen Kniefall und bekreuzigte sich, bevor sie sich Linda zu wandte.
„Sie müssen keine Angst haben“ sprach sie beruhigend, „auch in unmittelbarer Nähe Gottes passieren schreckliche Dinge!“ und bekreuzigte sich wieder.
„Ja, das sehe ich!“ stotterte Linda verängstigt.
„Es war eine unserer Schwestern!“ erzählte die Nonne unaufgefordert mit einem tieftraurigen Blick.
„Ja wer tut denn einer Nonne so etwas an?!“ fragte Linda schockiert.
„Sie selbst!“ antwortete die Nonne knapp.
„Eine Nonne, die den Freitod wählt? Das gibt es doch nicht!“ ungläubig blickte Linda der Nonne in die Augen.
„Sie hatte schwere Schuld auf sich geladen!“ und die Nonne machte eine lange Pause, bis sie endlich gequält herauspresste: „Sie war schwanger!“
„Ja und? Das ist doch kein Grund in den Freitod zu gehen!“ Linda war erschüttert!
„Wir haben ein Keuschheitsgelübde abgelegt. Dieses zu brechen ist eine schwere Sünde!“ erklärte die Nonne, als hätte sie eine Unwissende vor sich.
„Und was ist mit dem Kind?“ fragte Linda in großer Sorge.
„Das hat sie mitgenommen!“ fast flüsternd kam diese Antwort über die Lippen der Nonne.
„Ihr habt sie mit dem ungeborenen Kind in den Tod gehen lassen?“ Lindas Stimme überschlug sich fast , und hallte in dem Kirchenschiff anklagend wider.
„Das glaub ich doch nicht! Was für Menschen seid ihr denn? Glaubt ihr wirklich, das sei im Sinne Gottes? Ich fasse es nicht!“ und sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Sie kniete spontan nieder und berührte den Boden wo sie den Bauch der toten Nonne vermutete, und streichelte unbewusst immer und immer wieder darüber.
Und wie im Zwiegespräch flüsterte sie: „Glaub mir, dieses Opfer hat Gott nicht von dir gewollt, du arme Seele. Das hat er ganz gewiss nicht von dir gewollt!“
Sie stand auf, schaute die Nonne anklagend an, und zeigte dabei auf den Boden. „Nicht sie hat Schuld auf sich geladen, sondern ihr, die ihr euch Dienerinnen Gottes nennt!“
Ihre Augen sprühten Funken des Zorns. „Wo war hier eure Güte, euer Mitgefühl, eure so hochgepriesene Liebe? Wooo war euer Vergeben?“
„Ihr sonnt euch in der Liebe Gottes, und seid zu derselben in keinster Weise fähig! Ihr seid alle Heuchlerinnen und armselige Versager!“ drehte sich um, und verließ ohne ein weiteres Wort die Kirche.
Draußen vor dem Kirchenportal schaute sie zum Himmel und schüttelte nur tieftraurig den Kopf.

Einige Wochen später erfuhr sie, dass ihre Mitschwestern von der Schwangerschaft nichts gewusst hatten.
Nun bereute sie ihre anklagenden Worte zutiefst, und nahm sich vor, nochmal hinzufahren um sich für die harten Worte zu entschuldigen.

Copyright seelenkarussell