Holzkiste

Heute ist der Speicher reif!
Das war der erste Gedanke mit dem sie heute Morgen aufwachte.
Wie lange schob sie diese Entrümplungsaktion schon vor sich her?
Einen Monat? Zwei Monate?
Drei bis vier kamen der Wahrheit eher näher.
Sie zog sich gleich ihre blaue Latzhose an, um einer erneuten Verschiebung entgegen zu wirken.
Sie war Meisterin im Verschieben leidiger Arbeiten!
Es gab immer etwas das mehr Spaß, und was viel wichtiger war, – weniger Dreck machte!
Eine schnelle Tasse Kaffee, und dann schnappte sie sich die größte Metrokiste die sie finden konnte, und ging zum Speicher hoch.
Als sie die Tür öffnete, schlug ihr staubige und stickige Luft entgegen.
Ich wusste warum ich mich die ganze Zeit davor gedrückt habe, dachte sie kurz die Luft anhaltend, und knipste das Licht an.
Oh Gott wie es hier aussah!
Eine Messiwohnung kam diesem Chaos verdächtig nahe!
Überall Kisten, leere Karton, alte Klamotten, ausrangierte Elektrogeräte, und die ganze Weihnachtsdeko, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hat.
Unschlüssig stand sie in der Tür und wusste nicht so recht wo sie anfangen sollte.
Ein Kloß der Ratlosigkeit steckte ihr im Hals, und sie war schon versucht die Tür wieder zu schließen, und die ganze Aktion zu vertagen.
Aber die leere Metrokiste sollte wenigstens einmal gefüllt werden entschied sie, und ging zielstrebig auf die vielen leeren Kartons zu.
In kürzester Zeit hatte sie, bis auf wenige Kartons, alle mit dem kleinen Teppichmesser zerkleinert, und ein viertel der Metrokiste damit gefüllt.
Plötzlich entdeckte sie die alte Holzkiste an der Wand, die von den vielen leeren Kartons vollkommen verdeckt worden war.
Sie zerrte sie in die Mitte und entriegelte sie voller Spannung.
Auf den ersten Blick sah sie nur ihr altes Kinderspielzeug, das ihre Mutter immer dann verschwinden ließ, wenn sie es längere Zeit nicht mehr beachtet hatte.
Eine kleine rote Schachtel fiel ihr ins Auge, und sie öffnete sie neugierig.
Sechs kleine Plastiktütchen lagen fein säuberlich gefaltet darin.
Da sie nicht auf Anhieb erkennen konnte was sie enthielten, nahm sie eins heraus und hielt es hoch.
„Nein oder?!“ platzte es aus ihr heraus.
Sie hielt ein Tütchen mit einem kleinen Kinderzahn darin in der Hand.
„Das gibt’s doch nicht!“ sagte sie laut vor sich hin, und holte die restlichen Zahntütchen auch heraus.
Und meine Mutter hat mir immer erzählt, die Zahnfee hätte sie geholt, damit andere arme Kinder auch Zähnchen bekommen könnten, dachte sie lächelnd.
Sie erinnerte sich wie stolz sie darauf war, anderen Kindern ihre Zähnchen geschenkt zu haben.
Ihre Mutter erzählte ihr vor Jahren, sie wäre als kleines Kind immer zu den anderen Kindern gegangen, hätte ihnen in den Mund geschaut, und stolz auf ihre Zähnchen gedeutet und gesagt: „Die sind alle von mir!“
Und wehe ein Kind hat das vehement abgestritten!
Größere Enttäuschungstränen gab es nicht, berichtete ihre Mutter lachend.
Ach was war das ein schöner Nachmittag gewesen, als ihre Mutter noch weitere Anekdoten aus ihren Kindertagen erzählt hatte.

Nun war ihre Mutter schon seit einem Jahr verstorben, und tiefe Trauer befiel sie.
Nichtsdestotrotz empfand sie den Fund ihrer kleinen Zähnchen wie ein Gruß von ihr.
Sie streichelte liebevoll die kleine rote Schachtel und steckte sie in ihre große Latzhosentasche.
In der Hoffnung noch weitere „Schätze“ zu finden, führte sie ihre Entrümlungsaktion gut gelaunt fort.

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