Zaun

Vor 3 Wochen hatten sie ihr Häuschen in dem idyllischen Dorf bezogen, und nun ging es daran die Umgebung zu erkunden.
Ihr kleiner Hund kam die letzten 3 Wochen eh zu kurz. Immer nur ein schnelles Gassigehen zwischen Kisten auspacken und renovieren.
Nun war alles ziemlich fertig, und man konnte längere Spaziergänge in Angriff nehmen.
Um zum Feld zu kommen führte der Weg an einem Nachbarhaus vorbei, an dem ein großer älterer Mann am Zaun stand, und sie beobachtete wie sie mit ihrem Hund angeschlendert kam.
Freundlich grüßte sie mit einem „Moin“ und hatte eigentlich ein ebenso freundliches „Moin“ zurück erwartet.
Aber der alte Mann schaute nur griesgrämig und blieb stumm.
Auch gut! dachte sie, und ging weiter.
Im Weiterlaufen überlegte sie nur: Wenn sie alle hier so unfreundlich sind, – na dann: prost Mahlzeit!
Doch am Feld angekommen hatte sie den Vorfall schon wieder vergessen, und warf fleißig Bällchen, um ihren Hund zu bespaßen.
Am nächsten Morgen, und auch die Tage darauf, das gleiche Prozedere!
Sie ein freundliches „Moin“ und von der Gegenseite kein Ton, nur ein griesgrämiges Gesicht.
Sie bedachte ihn schon langsam mit bösartigen Gedanken, und hätte gerne einen anderen Weg genommen um dieser unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen. Aber leider war ihre Straße eine Sackgasse, die keine andere Wegstrecke zuließ.
Bei einem Telefonat mit ihrer Freundin erzählte sie von dieser Begegnung und regte sich furchtbar über das Benehmen dieses Mannes auf.
„Ich grüß jetzt auch nicht mehr! Das ist mir einfach zu blöd!“ beendete sie ihre Erzählung.
„Und genau das würde ich nicht tun!“ antwortete ihre Freundin ruhig. „Das ist genau das, was er erwartet! Jeder wird ihn auf Grund seines Verhaltens so behandeln.
Das wäre nur Wasser auf seine Mühle getragen!
Ich würde ihm konstant jeden Morgen mein freundliches „Moin“ sagen, und weitergehen. Irgendwann wird er reagieren! Erst brummelnd, und dann wird er immer zugänglicher werden.
Glaub mir!
Wenn’s nicht so wäre, stünde er nicht jeden Morgen am Zaun, und würde mehr oder weniger auf dich „warten“.
Er kann bestimmt auch nicht so leicht aus seiner Haut! Bleib einfach bei deinem freundlichen „Moin“ und gut ist’s! Du vergibst dir doch nichts dabei oder?“
Eine Woche lang blieb ihr freundliches „Moin“ auch weiterhin ohne Reaktion.
Aber dann, es war ein Dienstag, grüßte sie wieder freundlich, und es hätte sie fast aus den Schuhen gehoben, hörte sie doch ein unverständliches Gebrummel vom Zaun.
Ob das ein „Moin“ werden sollte, oder eine Art Beschimpfung konnte sie nicht sagen, denn sie war wie immer zügig  weitergelaufen.
Aber das überhaupt ein Ton vom Nachbarzaun zu hören war, war für sie das Highlight des Tages!
Sie konnte den nächsten Morgen kaum erwarten.
Bei der morgendlichen Tasse Kaffee überlegte sie, wie sie sich verhalten sollte, falls ein erneutes Gebrummel vom Zaun kam.
Schließlich musste solch ein „Quantensprung“ ja irgendwie „belohnt“ werden, dachte sie. Ich werde einfach im Weitergehen grüßend die Hand heben, beschloss sie.
Und genau so machte sie es auch!
Die nächsten Wochen verliefen in diesem Ritual, bis sie eines morgens an seinem Haus vorbei kam, und niemand stand am Zaun.
Erschrocken und leicht beunruhigt blieb sie stehen, und schaute zur Eingangstür.
Aber nichts geschah! Alles blieb ruhig!
Als sie eine andere Nachbarin im Garten werkeln sah, blieb sie stehen und fragte besorgt: „Entschuldigung?! Mich wundert es, dass der alte Mann vorne am Haus nicht wie jeden Tag am Zaun steht. Ist was passiert?“
Die ältere Dame ließ von ihrem Unkrautzupfen ab, und sagte ziemlich abfällig: „Ach Sie meinen den alten Herrmann?! Den haben sie gestern abgeholt! Herzanfall oder so was! Geschieht im Recht, dem alten Querulant!“ und beugte sich wieder zu ihrem Unkraut.
Erschrocken über die Härte im Ton fragte sie noch schnell ob sie wüsste wo er hingebracht wurde.
„Bestimmt in die Diako“ war die knappe Antwort.
Beunruhigt ging sie weiter und beschloss am Nachmittag kurz im Krankenhaus vorbei zu schauen.

Als sie das Krankenzimmer betrat, sah sie sofort den piepsenden Kasten, der den Blutdruck und den Herzschlag kontrollierte, sowie die Infusion die in seinen Arm führte.
Sie näherte sich dem Krankenbett vorsichtig und sagte leise: „Moin“ und hob etwas verlegen die Hand.
Er drehte den Kopf zu ihr, und als sie die freudig strahlenden Augen sah die sie anblickten, füllten sich urplötzlich ihre Augen mit Tränen, und sie stammelte nur: „Ei was machen Sie denn für Sachen?!“
Er suchte ihre Hand, hielt sie fest und sagte mit brüchiger Stimme: „Ich habe alles falsch gemacht im Leben! Wollte immer der Bestimmer sein – auf Biegen und Brechen, und hab dadurch alles verloren: Frau, Kinder und Freunde! Und nun das!“ dabei schlug er mit der Hand auf sein Bett.
Peinlich berührt über sein überfallartiges Geständnis wollte sie etwas beschwichtigendes sagen, aber er gebot ihr mit seiner Hand Einhalt und fuhr fort: „Dann kamen Sie immer so fröhlich bei mir am Haus vorbei und haben jeden Tag so freundlich gegrüßt, sodass ich auf einmal das Bedürnis hatte, auch freundlich zurück grüßen zu wollen. Und jetzt das!“ und schlug wieder mit seiner Hand auf sein Bett.
Plötzlich fing der  Kasten laut an zu piepsen und die Schwester kam herein und bat sie zu gehen.
Schnell beugte sie sich zu ihm runter, streichelte seine Wange und sagte: „Sobald Sie hier raus sind, trinken wir eine schöne Tasse Kaffee zusammen!“ winkte ihm zu, und verließ das Krankenzimmer.
Am nächsten Morgen erfuhr sie von der alten Dame im Garten, dass der „alte Herrmann von drüben“ die Nacht verstorben sei.
Bestürzt und tief traurig beendete sie ihre Gassirunde.

Aber jeden Tag, wenn sie an dem Haus vorbeikam, murmelte sie ein „Moin Herrmann“ und hoffte, er würde es irgendwie hören, dort wo er jetzt war.

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