Deich

Als er die ganzen Schafe auf dem Deich sah, beschloss er spontan einen Spaziergang unten am Meer zu machen.
Er fuhr zu dem kleinen Hafen und parkte sein Auto, und lief freudig los.
Denn genau so hatte es ihm sein Kollege beschrieben: Schafe, Wind und Meer, mehr braucht man nicht zum Glück!
Als er wieder brummelnd versuchte den vielen Schafskötteln im Zickzack auszuweichen, war für ihn die Nordseeromantik dahin.
Endlich sah er oben auf dem Deich eine freie Bank und bahnte sich seinen Weg durch die Schafe, die blökend vor ihm das Weite suchten.
Er wusste gar nicht, dass Schafe so rennen können. Er tat ihnen doch gar nichts!
Verärgert über die vielen Schafsköttel setzte er sich auf die Bank und beobachtete die anderen Spaziergänger.
Komisch, sie schienen sich nicht an der ganzen Schafsscheiße zu stören, geschweige denn liefen sie tänzelnd und staksend um sie herum.
Sie schienen vielmehr den Spaziergang zu genießen!
Sie schauten übers Meer, blieben stehen um irgendein kleines Hölzchen aufzuheben, unterhielten sich, und liefen ganz relaxed weiter.
Versteh ich nicht! dachte er. Haben sie keine Bedenken, sich die Schuhe zu ruinieren?
Und erst mal den Gestank im Auto!
Ekelhaft!
Denn den kläglichen Versuch, sich die Schuhe im Gras zu säubern bevor man ins Auto stieg, kannte er von anderen, ähnlichen Malheuren.
Wieso liefen die Leute da unten also so unbedarft durch all die Köttel und störten sich nicht daran?
Vielleicht weil sie extra „Köttelschuhe“ hatten???
Ach was für ein simpler Trick! durchfuhr es ihn und er hätte sich fast mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen.
Warum bin ich nicht gleich drauf gekommen?!
Klar! Das ist die einzige und einfachste Lösung!
Gute Idee! dachte er, lehnte sich zurück, genoss den Blick übers Meer, den Wind, die Schafe, und seine Gedanken verloren sich langsam am Horizont.
Auf einmal war es da, dieses Gefühl der Ruhe und des inneren Friedens!
Es war genau das Empfinden, das ihm sein Kollege beschrieben hatte, und er dachte nur: Schööön!
Hier geh ich nicht mehr weg! Ich bleib hier sitzen und lass Arbeit, Arbeit sein!

Die Schafe waren schon grasend weiter gezogen, als er endlich erfüllt aufstand und zurück zum Hafen lief.
Als er zum Hotel fuhr konnte er nur denken: Was für ein schöner Tag war das doch!
Und mit einem paar Ersatzschuhen ist die Nordsee ein echter Ruhepol!
Überzeugt beschloss er:  Nächstes Jahr komme ich wieder!

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