Regentropfen

Enttäuschte Kinderaugen schauen aus dem Fenster.
„Oh Mensch Mama, es regnet! Wir wollten doch eine Sandburg bauen!
Ich wollte mit Sigi die Festung gegen Knut verteidigen! Unser Leben für den Südturm geben! Und nun regnet es! Och Mensch Mama, das ist doch nicht fair!“ Und die Mundwinkel zuckten verdächtig.
„Ja hast du denn eben nicht die Regentropfenrutsche gesehen?“ fragte die Mutter, um ihren Sohn von den aufkommenden Tränen abzulenken.
„Regentropfenrutsche??? Nö wo denn?!“
„Ei schau doch hier!“ und zeigte auf einen Regentropfen am Fenster.
„Pass mal auf, was der kleine Tropfen gleich macht!“
Millimeter für Millimeter rutschte er nach unten. Im Vorbeirutschen nahm er einen anderen kleinen Regentropfen mit, und die Rutschfahrt wurde beschleunigt.
„Siehst du, der kleine Regentropfen wird immer gößer, weil er beim Abwärtsrutschen
immer mehr kleine Regentropfen mitnimmt. Er sammelt so lange die kleinen Regentropfen ein, bis er so groß ist, dass er mit einem Affenzahn die Scheibe runter sausen kann.“
Neugierige Kinderaugen verfolgten nun jeden Regentropfen mit Begeisterung.
Plötzlich hörte der Regen auf, und die Sonne lugte hervor.
„Och Menno, ich fand doch die Regentropfenrutsche so toll!“
„Es wird bestimmt bald wieder mal regnen“ tröstete die Mutter und strich ihrem Sohn durchs Haar.
„Ok, dann geh ich halt jetzt mit Sigi die Sandburg bauen!“ und schwupps war er auf dem Weg zum Spielplatz.
Lächelnd blickte ihm die Mutter durchs Fenster nach, und beobachtete dabei selbst noch schnell eine Regentropfenrutsche.
So, wie sie es als Kind mit ihrer Mutter getan hatte.

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