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Er führte ein Leben auf der Überholspur, und es gab nichts, was er sich nicht leisten konnte.
Sein Beruf war sein Leben,  – das war einfach so!
Außerhalb dieses Lebens gab es so gut wie nichts! Noch nicht mal eine Frau!
Das soll aber nicht heißen, dass er sich nicht ab und zu nach einer festen Beziehung sehnte.
Das tat er schon, trotzdem  pflegte er eisern und verbissen seine No-name-Bekanntschaften und fand es mittlerweile völlig normal, und in sein Leben passend.
Doch mittlerweile ging er auf die 45 zu, und die Frage nach dem Sinn des Lebens huschte immer öfters durch seine Gedanken.
War das was er tat der Sinn des Lebens?
Er delegierte, forderte die Arbeit ein, und interessierte sich weitgehendst nicht für die Belange seiner Mitarbeiter.
Für ihn galt: Arbeite ich hart, kann ich es von meinen Mitarbeitern ebenfalls erwarten!
Dadurch herrschte in seinem Umfeld eine ziemlich gefühlsarme Atmosphäre.
Und genau das machte ihm immer häufiger unzufrieden.
Gestern als er im Zug nach Hamburg saß, setzte sich eine alte Dame ihm gegenüber.
Eigentlich sollte es nur ein flüchtiger Blick an einen „störenden“ Menschen sein, und doch durchfuhr ihn beim Anblick der alten Dame ein stechender Schmerz der Erinnerung.
Vor ihm saß das Abbild seiner Großmutter!
Tausend liebevolle Erinnerungsfetzen sausten fast gleichzeitig durch seinen Kopf.
Gott, was hatte er diese Frau geliebt!
Und als sie starb, gab er ihr die Schuld dafür, dass er sich so furchtbar alleine und verlassen fühlte – noch heute!
Seitdem ließ er nie wieder zu, dass ein Mensch  sein Herz so sehr berühren konnte.
Schlagartig wurde ihm bewusst wie einsam er war!
Und urplötzlich sehnte er sich danach die alten Hände dieser Frau zu streicheln, ihr sein Leben zu erzählen, und über seine innersten Ängste zu reden.
Dabei schaute er recht gequält aus dem Fenster.
„Hab ich Sie erschreckt?“ fragte die ältere Dame vorsichtig.
„Nein, nein!“ antwortete er knapp, und schaute weiter aus dem Fenster.
Sie legte ganz vorsichtig ihre Hand auf sein Knie und sagte mit einfühlsamer Stimme:
„Ich möchte Ihnen gerne was sagen junger Mann.
Jede Begegnung ist ein geschenkter Schlüssel zu einer Tür.
Manchmal ist er für eine Tür die vor vielen Jahren zugeschlagen wurde, und manchmal für eine Tür, die nur darauf wartet geöffnet zu werden.
Denken Sie einfach mal darüber nach!“ stand auf, und verließ den Zug nach nur einer Station.
Er schaute ihr nach und hatte irrwitziger Weise wieder das Gefühl allein gelassen worden zu sein.
Aber da waren ihre Worte!
Und sie schwebten wie eine Leuchtreklame über seine Gedanken.


Bis Hamburg sah man in Abteil 7 einen sehr nachdenklichen und in sich gekehrten Mann sitzen.

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