Nacht

Lautlos schlich er durch die Dunkelheit, als die Turmuhr zweimal schlug.
Er lief schon Stunden herum und fand einfach keinen geeigneten Schlafplatz.
Vor Jahren als er sein Vagabundenleben begann, fand er es noch richtig aufregend und abenteuerlich.
Heute sehnte er sich urplötzlich nach einem kuscheligen Bett, und am Morgen einen dampfenden heißen Kaffee.
Er setzte sich auf ein Mäuerchen und ließ seinen Gedanken freien Lauf.
Ihm kam der erste Sommer mit seiner Frau in den Sinn.
Unbeschwerte heitere Tage!
Wer hätte damals gedacht, dass es in einem Rosenkrieg enden würde.
Langsam fischte er eine zerknitterte Zigarette aus der Hosentasche, und kramte nach den Streichhölzern.
Als er sich die Zigarette ansteckte, sah er wie sehr seine Hand zittere.
Dieser Alkohol!
Dieser verdammte Alkohol!
Er schleuderte wütend die Zigarette im hohen Bogen auf die Straße, um sie aber sofort wieder aufzuheben. Wer weiß, wann er die nächste Zigarette erbetteln konnte.
Seine Gedanken blieben bei seiner letzten OP stehen.
Auf dem OP-Tisch lag ein junges Mädchen, kaum älter als 16 Jahre, und er bereitete ihre Narkose vor.
Alles Routine!
Bis die Instrumente verrückt spielten!
Stabilisieren! hallte es hektisch durch den OP-Saal.
Er spritzte ein Mittel, und plötzlich war das Mädchen tot!
Die Stille im OP würde er nie vergessen. Und erst Recht nicht die Blicke, die alle auf ihn gerichtet waren.
Es waren diese Was-hast-du-getan-Blicke!
Im ersten Moment war er sich keiner Schuld bewusst, aber die leere Ampulle sprach Bände.
Seine Hände zitterten damals schon durch den Alkohol, aber in diesem Moment war das Zittern unkontrollierbar.
Alle Wiederbelebungsversuche scheiterten.
Das Mädchen war tot!
Durch seine Unachtsamkeit! Hervorgerufen durch seine fortgeschrittene Alkoholsucht.

Wie ein Häufchen Elend saß er auf dem Mäuerchen, und zum 1. Mal weinte er hemmungslos.
Um das Mädchen, um seine damalige Arroganz, und um sein verpfuschtes Leben.
Er merkte gar nicht, dass sich ihm ein Mann näherte, so sehr war er in seinem Schmerz gefangen.
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte eine ruhige sonore Stimme.
„Mir ist nicht zu helfen!“ und schluchzte weiter.
„Wenn Sie sich helfen lassen, ist nichts verloren.“ und der fremde Mann setzte sich neben ihn.
„Wie heißen Sie denn, wenn ich fragen darf?“
„Georg. Georg Kallmann!“ und erst jetzt schaute er sich den Fremden an.
„Sie sind ja ein Priester!“ platzte es fast vorwurfsvoll aus ihm heraus. „Mit der Kirche hab ich nichts am Hut! Das sag ich Ihnen gleich!“
„Ich hab mich Ihnen auch nicht als Priester genähert, sondern einfach nur als Mensch.“ antwortete der Priester ruhig.
„Was machen Sie eigentlich nachts um 2 Uhr noch auf der Straße?“ fragte Georg mit einer gewissen Neugier.
„Ich wurde zu einem Todgeweihten gerufen, um ihm die Sterbesakramente zu spenden. Der Tod schert sich um keine Uhrzeit!“ und ein leichtes Lächeln überzog sein Gesicht.
„Sterben! Ja sterben würde ich jetzt auch gerne!“  flüsterte Georg mehr zu sich, als zu dem Priester.
„Sie wollen jetzt sterben? Jetzt, wo ihr Leben in Trümmern zu liegen scheint? Ist das nicht eher ein davon stehlen wollen, als ein wirklicher Wunsch?“ und der Blick des Priesters durchbohrte ihn.
„Was hab ich denn noch?!! Ich bin Alkoholiker, lebe von der Hand in den Mund, und habe kein Bett zum schlafen! Ich bin eine völlig nutzlose Kreatur!“ und seine Hände verkrampften sich ineinander.
„Wie lange pflegen Sie nun ihr Selbstmitleid schon? Meinen Sie nicht, es wäre jetzt an der Zeit einen Strich unter den ganzen Schlamassel zu ziehen?“
„Wie soll das gehen?“ und ein trauriger Blick streifte den Priester.
„Der erste Schritt wäre, Sie kämen mit mir in die Kirche, schlafen sich erst mal richtig aus, und morgen reden wir in aller Ruhe über alles.“
Der Priester stand auf und reichte Georg die Hand.
Zögerlich stand Georg auf und schlurfte mit dem Priester zur Kirche.
Der Priester führte ihn in ein kleines Zimmer mit einem frisch bezogenem Bett.
Georg stand vor dem Bett und strich fast andächtig über die Bettdecke.
Wann hatte er zum letzten Mal in einem Bett geschlafen?
„Das Bad ist gleich nebenan. Morgen früh frühstücken wir zusammen und dann sehen wir weiter! Gute Nacht und Gott segne Sie!“ damit schloss der Priester die Tür, und Georg hörte wie sich seine Schritte langsam entfernten.
Ist das der Neuanfang? dachte Georg, während er sich wohlig in die Decke kuschelte und sofort in einen tiefen Schlaf fiel.
Am nächsten Morgen wachte er auf und sein Blick fiel auf das schlichte Holzkreuz an der Wand.
Langsam dämmerte es ihm, was letzte Nacht geschehen war, und er stieg vorsichtig aus dem Bett, immer noch auf das Holzkreuz blickend.
Herr, wenn es dich wirklich gibt, dann mach mich wieder stark und selbstbewusst. Und zum 1. Mal seit seiner Kindheit bekreuzigte er sich.
Er ging auf leisen Sohlen ins Bad und genoss die Dusche in vollen Zügen.
Ja Herr, gib mir mein Leben zurück! Das ist meine einzige Bitte! und eine Träne bahnte sich ihren Weg durch den weißen Rasierschaum.
Kaum wieder zuerkennen klopfte er unten zaghaft an die Küchentür, bevor er eintrat.
Es duftete herrlich nach Kaffee und frischen Brötchen.
„Georg, guten Morgen! Hattest du eine gute Nacht? Komm setz dich an den Tisch und genieße mit mir das Frühstück.“ und der Priester goss ihm dampfenden Kaffee ein.
Georg fühlte sich wie im Paradies.
Während des Frühstücks erzählte Georg wie es zu diesem Absturz kam. Abschließend sagte um Priester: „Sie glauben gar nicht wie sehr ich das alles ungeschehen machen würde. Aber das geht leider nicht!“
„Stimmt! Rückgängig machen geht nicht, aber einen Neuanfang kann man immer und jederzeit starten.“ und der Priester schaute ihm tief in die Augen.
„Wer will schon mir, einen Trunkenbold, eine neue Chance geben?“ und schaute verlegen auf seine Hände, die nach wie vor zitterten.
„Ich!“ sagte der Priester fest, und Georg schaute ihn ungläubig an.
„Dem Menschen, dem ich gestern die Sterbesakramente gespendet habe, war unser alter Küster. Diese Stelle wäre jetzt frei1“ und erwartungsvoll blickte ihn der Priester an.
„Ich Ungläubiger als Küster? Das ist doch nicht Ihr Ernst?!“
„Doch Georg, mein voller Ernst! Ich sehe unsere Begegnung als Fügung Gottes an. Schau, du hättest ein Dach über dem Kopf, eine Aufgabe, und wer weiß, vielleicht findest du dadurch wieder den Weg zu Gott.“ und er legte seine Hand beruhigend auf seine zittrigen Hände.
Eine lange Weile schwieg Georg. Man sah, wie seine Gedanken durch den Kopf wirbelten.
Endlich sagte er: „Pater, ich weiß nicht ob ich der Aufgabe gewachsen bin. Schauen Sie mich doch an! Ich bin ein Wrack!“
Der Priester nahm Georgs zitternde Hände und schaute ihn ganz ernst an. „Ich sehe einen Mann, der eine zweite Chance verdient hat. Und mein Gefühl sagt mir, dass er sie mehr als verdient hat!“
Er ließ Georgs Hände wieder los, und beide tranken fast schon vertraut ihren Kaffee aus.
„Soll ich dir jetzt mal deinen Aufgabenbereich zeigen?“ fragte der Priester und stand auf.
„Na, Sie lassen aber auch nichts anbrennen!“ sagte Georg lächelnd, und stand ebenfalls auf.

Drei Jahre verrichtete Georg sein Amt als Küster, entsagte dem Alkohol und wurde von der Kirchengemeinde sehr geschätzt.
Bei einem Nachtmittagskaffee eröffnete Georg seinem Freund dem Priester, dass er gerne Theologie studieren möchte.
„Georg – ich hatte es von Anfang an gespürt!“ Er umarmte ihn freudig und flüsterte ihm ins Ohr:
„Die Wege des Herrn sind unergründlich!“

 

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