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Gelangweilt schlenderte Sybille über den Flohmarkt, schaute mal auf die eine Seite, mal auf die andere Seite, und streifte dabei aber nur flüchtig die Auslagen.
Sie suchte nichts Bestimmtes! Der Flohmarkt bot sich einfach nur zum Zeit totschlagen an.
Sie dachte: Hier stehen eh nur ausrangierte Sachen anderer Leute rum. Eigentlich könnte ich mich gerade dazu stellen, mich hat man ja auch „ausrangiert“!
Erneut überfiel sie Wehmut!
24 Jahre Ehe – zack auf dem Müll!
Sie hatte es noch nicht mal kommen sehen!
Eines Tages beim Frühstück eröffnete ihr Mann ihr ganz nebenbei, er würde am nächsten Tag ausziehen.
Das ihr nicht die Kaffeetasse aus der Hand fiel, hatte sie nur der Schockstarre zu verdanken, die sie in Sekundenschnelle lähmte.
Sie starrte ihren Mann ungläubig an, als käme er von einem anderen Stern.
Und trotzdem konnte sie nur fragen: „Hast du es schon den Kindern erzählt?“
„Ja“ sagte er, „ihnen habe ich es schon letzte Woche gesagt!“
Urplötzlich brach nun auch der Boden unter ihren Füßen weg!
Alle wussten es schon lange, nur sie wurde von einem Tag auf den anderen vor vollendete Tatsachen gestellt.
Wut kochte in ihr hoch!
Sie holte aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige, stand wortlos auf, und verließ die Küche.
Das war nun zwei Monate her! Trotzdem lief ihr Leben immer noch nicht rund.
Sie konnte sich einfach nicht daran gewöhnen alleine zu sein.
Vorgestern hatte sie sich endlich vorgenommen: Das muss sich ändern!
Und als Erstes wollte sie ihre gemeinsame Wohnung verändern.
Es sollte endlich -ihre- Wohnung werden!
Eigentlich hatte sie ja ebenfalls vor auszuziehen, aber als sie die Mietpreise sah, war klar, sie blieb in der Wohnung!
Nun hatte sie gestern alle Vorhänge abgenommen, und sie durch Alujalousien ersetzt.
Es sah richtig gut aus, und die Räume wirkten um das Doppelte heller.
Was sie jetzt auf dem Flohmarkt noch suchte, wusste sie selbst nicht so genau. Aber es lenkte sie ab, und das Wochenende zog sich nicht so lange.
Plötzlich fiel ihr Blick auf eine kleine alte verzierte Uhr für den Kaminsims. Sie war schon fast schwarz, aber es schien eine Arbeit aus Bronze zu sein, denn an manchen Flächen schimmerte die Farbe durch.
Eingehend betrachtete sie sie ganz interessiert und dachte: Wenn ich sie ordentlich putze, hätte ich ein echtes Schmuckstückchen.
„Was möchten Sie denn für die Uhr haben?“ fragte sie den Mann hinter dem Tisch, der sie die ganze Zeit beäugte.
Er wiegte den Kopf hin und her, und schien angestrengt zu überlegen.
Du Schauspieler, dachte sie amüsiert, du weißt doch genau was du für die Uhr haben möchtest! Spielte aber gekonnt mit, und setzte ihren Aber-bitte-nicht-so-teuer-Blick auf.
„260 Euro“ sagte er, und machte eine gönnerhafte Miene dabei.
„Oh nein!“ sagte sie „das ist mir zu teuer! Wenn Sie sie geputzt hätten, dann ja, – aber so? Mein Gebot wäre € 180,-, und das finde ich schon sehr viel!“
„Also meine Schmerzgrenze liegt bei € 200,-“ antwortete er gequält.
„€190,- und ich nehme sie!“ sagte Sybille in einem Ton, der kein weiteres Handeln mehr zuließ.
Nach langem Überlegen sagte der Mann: „Ok! €190,-!“ reichte ihr die Hand, und der Kauf war perfekt.
Ich muss verrückt sein, €190,- für Schnickschnack! haderte sie auf dem Weg zum Auto.
Zuhause angekommen, fing sie gleich an die Uhr zu putzen. Und je mehr die Grundfarbe hervor kam, um so mehr sah die Farbe nicht nach Bronze aus.
Sie holte ein Poliertuch und polierte eine gesäuberte Stelle, und das Metall bekam einen wunderschönen Glanz.
Für sie sah es aus, als wäre die Uhr aus Gold.
Aufgeregt putzte und wienerte sie die Uhr, bis kein Fleckchen mehr zu sehen war.
Als sie ihr Werk begutachtete, war sie immer mehr der Meinung, dass sie hier eine teure Uhr auf dem Küchentisch stehen hatte.
Sie nahm ihr Handy und rief Ulf den Goldschmied an.
„Ulf, ich hab hier eine Uhr auf dem Küchentisch stehen, die musst du dir unbedingt ansehen! Ich glaube, sie ist ein echt wertvolles Teil! Kannst du mal kurz vorbeischauen?“
Ulf versprach in einer halben Stunde da zu sein.
Der Anblick der Uhr entlockte ihm ein staunendes: „Wow!“
„Weißt du was du da hast? Eine seltene französische Kaminuhr von ca. 1820 feuervergoldet aus Voll-Bronze. Preislich um die € 5.000,-.“
Sybille verschlug es die Sprache!
„So eine teure Uhr will ich hier nicht haben!“ stammelte sie immer noch vom Preis geplättet.
„Magst du sie nicht haben?!“ Bittend und erwartungsvoll schaute sie ihn an.
„Du würdest mir die Uhr überlassen?“ fragte er fast ungläubig.
„Ja! Was soll ich denn mit so einem protzigen Teil?!“
„Aber ich kann dir höchstens €4.000,- zahlen, weil, ein bisschen muss ich an der Uhr ja auch noch verdienen.“ sagte er fast entschuldigend.
„Ulf, das ist doch voll in Ordnung! Mit so viel Geld hätte ich nie, niemals gerechnet. Jetzt könnte ich mir meinen Traum von der Nordkapkreuzfahrt erfüllen!“
Sie fiel ihm um den Hals und drückte ihn unheimlich lange vor Freude.

Drei Monate später stand sie an der Reling und bestaunte fasziniert den Sonnenuntergang, als sich plötzlich ein Glas Sekt in ihr Gesichtsfeld schob, und eine sonore Männerstimme sagte: „Auf die bezauberndste Frau die dieses Schiff je gesehen hat!“
„Ach Harald, du Schwerenöter!“ lachte sie, und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
So standen sie, bis die Sonne im Meer versank.
Ach, dachte sie, das Leben kann doch sooo schön sein!

 

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