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Viereinhalb Jahre war Thorsten alt, und ein Fahrrad war sein größter Traum.
Sein rotes Dreirad hatte schon lange seinen Reiz verloren, und war auch mittlerweile zu klein für ihn. Entweder waren die Pedale zu kurz, oder seine Beinchen zu lang!
Jedes Mal wenn sie zum Einkaufen gingen, zog er seine Mutter in eine Seitenstraße, wo eine Art Pipi Langstrumpffahrrad stand.
Es war zwar ein großes Herrenrad, aber in dem Besitzer musste eine große fröhliche Kinderseele stecken, denn soweit sie wusste, hatte diese Bewohner keine Kinder.
Als Thorsten es zum ersten Mal entdeckte rief er aufgeregt: „Mama, Mama, Regenbogen!“ und zeigte mit glänzenden Augen auf das kunterbunte Fahrrad.
Seit dem ließ er keine Gelegenheit aus, um zu diesem Fahrrad zu pilgern und es ganz ehrfurchtsvoll zu streicheln.
Dieses Fahrrad hatte es ihm wirklich angetan!
„Ich möchte auch so eins haben!“ sagte er jedes Mal mit einem Blick, der Steine flüssig werden ließ.
„Thorsten, das ist viel zu groß für dich! Das ist ein Fahrrad für einen Mann!“ war immer die gleiche Antwort.
Heute, als sie wieder vor dem Fahrrad standen, und Thorsten es begutachtete wie Männer ein Auto, sagte er plötzlich triumphierend : „Mama, du musst es einfach nur klein machen! Und dann kriege ich es zu Weihnachten!“ vor Freude klatschte er in die Hände, und sprang wie ein Flummi um sie herum.
„Thorsten, ich hege den Verdacht, so ein Fahrrad gibt es nicht zu kaufen! Vielleicht hat es sich der Besitzer selbst angemalt?!“
„Das kann Papa auch!“ platzte es mit großer Überzeugung aus ihm heraus, und man sah, wie es in dem kleinen Kopf arbeitete.
Nach einer Weile leuchteten seine Augen auf, und er bat seine Mutter um ihr Handy.
„Sag mir erst mal was du mit meinem Handy machen willst, denn den Papa können wir jetzt nicht auf der Arbeit stören.“ sagte sie in der Annahme, er wolle ihrem Mann gleich von seiner Idee erzählen.
„Du musst es fotografieren!“ sagte er ganz aufgeregt.
Sie holte ihr Handy aus der Tasche und machte ein Foto.
„Zeigen!“ forderte er, und zog ihre Hand mit dem Handy zu sich herunter.
„Oh wie schön!“ sagte er leise, und sein Kopf schnellte vor und küsste inbrünstig das Display.
Sichtlich gerührt steckte die Mutter das Handy wieder weg, und sie gingen weiter zum Supermarkt.
Als ihr Mann am Abend nach Hause kam, stürmte Thorsten auf ihn zu, zog ihn an der Hand in die Küche, und zeigte auf das Handy, das auf dem Küchentisch lag.
„Papa guck mal! Das will ich vom Christkind haben!“ und wartete geduldig bis seine Mutter das Foto gefunden hatte.
Erwartungsvoll schaute er zu seinem Papa auf.
Dieser schaute sich lächelnd das bunte Fahrrad an und fragte gespielt ungläubig: „Und das möchtest du haben? Es ist wohl ein bisschen zu groß für dich, meinst du nicht auch?“
„Ja – musst du klein machen!“ und in seinem Blick lag der ganze Glaube an das Können seines Papas.
„Wir werden mal mit dem Christkind einen Termin vereinbaren und schauen, ob es das realisieren kann!“ sagte er mit einer verschwörerischen Miene, beugte sich zu seinem Sohn herunter, und küsste ihn aufs Haar.
„Ist bald Weihnachten?“ kam die prompte Frage.
„Auf Weihnachten musst du noch 2 Monate warten!“ antwortete sein Papa zwischen einem Schluck Kaffee.
„Wieviel sind zwei Monate?“ bohrte der Kleine weiter.
„Also ich schätze mal…“ und sein Vater machte eine kurze Denkpause, „du musst noch über 70 Tage warten.“
„Ist das viel?“ hakte Thorsten gleich nach.
„Ja, das ist noch eine ganze Weile!“ antwortete sein Vater und holte sich die Zeitung.
„Mist!“ platzte es aus Thorsten heraus, und er verschwand in sein Kinderzimmer, aber nicht ohne vorher nochmal ein Blick auf sein Regenbogenfahrrad zu werfen.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, sah er als erstes eine ellenlange Bonbonschnur, die quer durch sein Kinderzimmer gespannt war.
Als die Mutter sein Zimmer betrat, saß er immer noch staunend die lange Bonbonschnur betrachtend, im Bett.
Erklärend erzählte ihm die Mutter: „Diese Bonbonschnur hat dir das Christkind aufgehängt. Es sagt, du darfst jeden Tag ein Bonbon abnehmen! Und wenn du das letzte Bonbon abgenommen hast, dann ist Weihnachten!
Ist das nicht eine liebe Idee vom Christkind?“
„Ja!“ hauchte Thorsten und umarmte seine Mutter ganz fest, „dann darf ich ja heute schon ein Bonbon abmachen!“ und sprang fröhlich aus dem Bett.

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