Album

Sie hatte den ganzen Vormittag vertrödelt.
Nichts wollte so recht von der Hand gehen.
Sie wischte ein bisschen hier, räumte ein bisschen dort, aber alles sehr halbherzig.
Es gibt Tage, da sollte man einfach im Bett bleiben, dachte sie unwirsch über ihre Lustlosigkeit.
Sie machte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich gelangweilt auf die Couch.
Ihre Gedanken gingen spazieren, während sie ihre Schrankwand betrachtete.
Ihr Blick fiel auf ihr altes Kinderfotoalbum.
Sie stand auf, zog es aus dem Schrankfach, entstaubte es ein wenig, und fing an darin zu blättern.
Zu den wenigsten Bildern hatte sie eine erkennbare Erinnerung.
Meist schaute sie trotzig in eine Richtung, oder saß mit Verwandten gelangweilt am Kaffeetisch.
Zudem gaben die schwarz-weiß-Fotos den Bildern etwas traurig-melancholisches!
Man sah einfach kein fröhliches Kind!
Nur ein kleines Mädchen, das wie ein Fremdkörper unter all den Erwachsenen brav am Tisch saß.
Die Bilder zogen sie noch mehr runter, und deshalb klappte sie das Album wieder zu, und stellte es zurück in die Schrankwand.
Hatte ich eigentlich eine schöne Kindheit?, fragte sie sich.
Irgendwie hatte ich gar keine Kindheit, stellte sie auf Grund ihrer Erinnerungslosigkeit traurig fest.
Es fiel ihr einfach kein Moment der Freude, oder ein Moment der erfüllten Wünsche ein.
Sie war halt irgendwann mal klein, ohne die Fröhlichkeit, die Kindheitstage in sich bergen sollten.
Tja, dachte sie, und trotzdem bin ich eine fröhliche, lebensbejahende Frau geworden!
Unwillkürlich fing sie an zu lächeln.
Das Telefon klingelte und eine temperamentvolle Stimme rief durchs Telefon: „Was hältst du von einem Käffchen im Schnickschnack?“
„Gib mir eine halbe Stunde, und es kann losgehen!“ antwortete sie voll wiedergewonnenen Elan, und legte auf.
Nur das Heute zählt! dachte sie noch als sie die Treppe runterlief, und vergrub ihre erinnerungslose Kindheit wieder in den Kellergewölben ihrer Seele.

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